Das Rechercheprojekt von fanni fraktal untersucht gemeinschaftsbildende Phänomene, die bei öffentlichen politischen Ansprachen wie der Präsidentenrede und bei ritualisierten Anlässen wie dem Karneval erzeugt werden. Im Vordergrund steht die Frage nach der Entstehung von (imaginierter) Kollektivität und sozialem Zusammenhalt. Die beiden Beispiele sollen als Auslöser für Bewegungs- und Kamerarecherchen dienen, um die hiermit verbundenen Bewegungsimpulse herauszufiltern und für die künstlerische Arbeit innerhalb und außerhalb des Studios zu nutzen.
Die Stadt Bonn erweist sich in zweifacher Hinsicht als besonders vielversprechender Recherche-Ort: sowohl als ehemalige Bundeshauptstadt mit politisch-repräsentativer Bedeutung wie auch als eines der karnevalistischen Zentren im Rheinland mit gleichzeitiger Nähe zu Düsseldorf und Köln.
Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit wird bei den gewählten Beispielen auf unterschiedliche Weise generiert. Während im Karneval das »Wir« durch gemeinsam erlebte Rituale wie Verkleidung, Tanz und Lachen entsteht, existiert bei einer politischen Rede zunächst ein Bruch zwischen dem/der Sprechenden als Individuum und einer Gruppe, welcher jedoch einen inhaltlichen Ausgleich erfährt. Präsidentenreden setzen auf Potentiale, Ziele, Werte und Errungenschaften der »Nation« und wenden sich Inhaltlich unmittelbar an eine dadurch entworfene Gemeinschaft. Darüber hinaus verfügen sie über eine weitere theatralische und darstellerische Dimension. Wie die Zuhörenden die Rede aufnehmen, hängt in hohem Maße vom Bild und Charisma des/r Sprechenden ab. Welche Körpersprache lässt sich erkennen? Demgegenüber: Welche Rolle spielen Tanz, Ekstase und Selbstüberschreitung im Karneval? Die Stipendiatinnen richten ihr Augenmerk auf die Bewegungssequenzen dieser Events und erforschen, wie sie in Beziehung zu ihrer Arbeit gesetzt werden können. Dies bedeutet, dass die gewählten Phänomene im zeitgenössischen Tanz einen neuen Kontext erfahren.
Bewegungsrecherche
Wie können Individuen mit der Singularität ihrer Körper Kollektivität erfahren? Diese Frage steht im Mittelpunkt der (Bewegungs-)Recherche. In der Annahme, dass die Selbsttransgression des Individuums im Karneval von zentraler Bedeutung ist, sind die Künstlerinnen bemüht, verschiedene Stadien dieses Zustands durch die Bewegung zu generieren, indem sie Atmung, beständige Repetition und Kontraste einsetzen und so dem Meditativen, Ekstatischen und Rhythmischen Raum schaffen. Betrachtet man den Körper als Erinnerungsspeicher, stellt sich die Frage, welche Bewegungen hervorgebracht werden können, die sich im Rahmen der geteilten Muster, ob folkloristisch, traditionell oder akademisch, bewegen. Außerdem planen die Künstlerinnen, Improvisations-Scores zu erarbeiten, in denen sie sich mit der strukturellen Ebene der beiden Themen befassen. Was geschieht zum Beispiel, wenn der Körper als kollektiv gedachtes Instrument mit der Idee der Rede verbunden wird? Welche Bewegungen werden erzeugt, wenn ein Körperteil zu den anderen spricht?
Kamerarecherche
Die Künstlerinnen werden während der gesamten Recherche sowohl im Studio als auch an öffentlichen Orten arbeiten. Sie hoffen zu Karnevalsgesellschaften Kontakt aufnehmen und deren Vorbereitungen und Proben mit der Kamera begleiten zu können. Sie werden offizielle Stätten und Plätze aufsuchen, an denen bedeutende Reden gehalten wurden, und ihre dort gewonnenen Erfahrungen in ihre Arbeit einfließen lassen. Die Künstlerinnen wollen sich dabei nicht auf eine reine Dokumentation beschränken, sondern die Erforschung des Video- und Audiomaterials und der Bewegung an diesen Orten integrieren. Die Reproduktion der Audioaufnahme einer Rede könnte der Bewegungsrecherche im Studio gegenübergestellt werden. Letztlich kann die Kamera die Beziehung zwischen dem Ort und dem Körper in Bewegung verändern. Sie gibt zudem die Möglichkeit eine visuelle Erfahrung zu generieren, die ein Körper allein nicht herstellen kann.
Wichtigstes Ziel ist es, über unterschiedliche Herangehensweisen einen Zugang zu gemeinschaftsbildenden Phänomenen zu gewinnen. Die Herausforderung liegt darin, jeder Recherchemethode dasselbe Maß an Freiheit zukommen zu lassen. In diesem Sinne ist es beispielsweise wichtig, die dokumentarischen Ergebnisse der Interviews nicht direkt in Bewegungen übersetzen zu wollen, sondern der Imagination des Körpers ausreichend Raum zu schaffen. Die Künstlerinnen erhoffen sich, Bewegungsprinzipien zu finden, die mit dem Phänomen der Kollektivität in Verbindung stehen. Somit zielt die Recherche auch auf eine Rekontextualisierung gemeinschaftsstiftender Riten für den zeitgenössischen Tanz. Darüber hinaus wäre es interessant zu wissen, was in unseren Körpern vielleicht nicht reproduziert oder nicht einmal entziffert werden kann. Weiteres Ziel ist es, mehr über Möglichkeiten des Zusammenspiels von Kamera und Bewegung zu erfahren und auch von diesem Blickwinkel aus zu untersuchen, wie Kollektivität erzeugbar wird. fanni fraktal intensiviert auf diese Weise nicht zuletzt seine Arbeit als Kollektiv und entwickelt bereits bestehenden Arbeitsstrategien weiter.
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