Die Kulturlandschaft Nordrhein-Westfalen unterscheidet sich erheblich von derjenigen der anderen Bundesländer. Sie ist ganz überwiegend kommunal angelegt, und dem entspricht, dass auch die Finanzierung der Kultur zu 80 Prozent von den Städten und Gemeinden getragen wird. Die Kulturpolitik in NRW lebt entsprechend dieser polyzentrischen Anlage von einem vielgestaltigen Mit- und Gegeneinander der Kräfte. Das kommunale Prinzip und das korrespondierende zivilgesellschaftliche Engagement stehen einerseits für die Vielfalt der Angebote; andererseits liegt gerade darin auch die Schwierigkeit, dieses besondere Profil der nordrhein-westfälischen Kulturlandschaft griffig oder gar identitätsstiftend nach innen und außen zu vermitteln.
Ist vielleicht gerade die dezentrale Struktur NRWs besonders zeitgemäß, mit Blick auf die Maxime »act local, think global«? Könnte sich gerade die starke kommunale Verankerung der Kultur in die-sem Land, nahe an den Menschen und nahe an der Lebenswirklichkeit vor Ort als vorbildlich auch für andere Kulturstandorte erweisen, vorausgesetzt, dass der kommunalen Finanzmisere und ihren Auswirkungen auf die Kulturfinanzierung wirksam begegnet wird?
In der urbanen Lebenswelt weiter Teile NRWs spiegelt sich die gesellschaftliche Wirklichkeit besonders deutlich. So leben in den Städten Einwanderer und Einheimische Tür an Tür. Dort treffen soziale Unterschiede besonders intensiv aufeinander, und in den Städten schreitet – Stichwort: zunehmende Single-Haushalte – die Partikularisierung voran. Die Einwanderung, die Alterung und die Schrumpfung haben diese Gesellschaft und ihre Kultur verändert und verändern sie weiter. Im besonders bevölkerungsreichen NRW, einem der am dichtesten besiedelten Räume Europas, wirken sich diese Veränderungen mehr und früher aus als in anderen Regionen und Ländern. Identität und Differenz sind im Zuge dessen ebenfalls der Veränderung unterworfen. Auf diese Begriffe lässt sich das Mit- und Gegeneinander der Städte Nordrhein-Westfalens und ihrer Kultur bringen.
Unter dem Aspekt »NRW, die Länder und der Bund« wurdne auf der Tagung in Berlin folgende Fragen gestellt und diskutiert:
-> Welche Unterschiede gibt es zwischen der Kulturlandschaft NRWs und anderen Bundesländern bzw. Berlin?
-> Worin liegen die Besonderheiten des urban geprägten, polyzentrischen NRWs im Vergleich mit anderen Bundesländern?
-> Wie lässt sich die Identität des Bindestrichlandes fassen und entwickeln, im Unterschied etwa zu jahrhundertelang entwickelten „Marken“ wie Bayern und Berlin?
-> Wie sieht sich NRW als Kulturland, und wie wird es von außen gesehen?
-> Was hat zu dieser Wahrnehmung von innen und außen die Kulturhauptstadt 2010 beigetragen?
Die »Verhältnisse im Land selbst« wurden unter folgenden Fragestellungen analysiert und diskutiert.
-> Was bedeutet es, dass das Bild NRWs stark von der Identität von Städten im kulturellen Wettbewerb bestimmt wird, der wiederum von unterschiedlichen Profilen und damit von der Differenz dominiert wird?
-> Welche Rolle spielen dabei Kunst, Kultur und Kulturelle Bildung?
-> Wie soll sich die kulturelle Infrastruktur entwickeln?
-> Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels: Brauchen wir mehr oder weniger, andere Museen, Theater, Konzerthäuser?
-> Und: Inwieweit wird in der Kultur programmlich und beschäftigungsbezogen dem Rechnung getragen, dass es sich gerade in den Ballungsgebieten um eine Einwanderungsgesellschaft handelt?
-> Wie muss sich zukünftig das Verhältnis von Städten und Land weiterentwickeln?
-> Wie kann der Dialog zwischen den Akteuren der NRW-Kultur verbessert und können damit mittelfristige Planungen auf eine möglichst breite Grundlage gestellt werden?
Hintergrund für die genannten Themen und Fragen ist die kulturpolitische Arbeit der aktuellen Landesregierung in Nordrhein-Westfalen. Was ist geschehen, was muss geschehen, wie soll es geschehen?
Ziel der Veranstaltung war es, die Möglichkeiten und Voraussetzungen einer NRW-Kulturpolitik der nächsten Jahre zu analysieren und Empfehlungen zu geben. Die Veranstaltung ist auch geeignet als Bühne für die Landesregierung, sich zu positionieren und Wege des weiteren Diskurses über die behandelten Fragen zu weisen. Die Tagung mit Vorträgen und Diskussionen versteht sich als Versuch, mögliche Linien einer Kulturpolitik in und für NRW zu zeichnen. Sie sollte als Auftakt dienen für die Weiterentwicklung des dort Besprochenen in weiteren, themenspezifischeren Foren und Konferenzen NRWs.
Veranstalter:
NRW KULTURsekretariat in Kooperation mit
Kultursekretariat NRW Gütersloh
Kulturrat NRW
Städtetag NRW
Termin:
22.-23. September 2011
Veranstaltungsort:
Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen beim Bund
Hiroshimastraße 12 - 16
10785 Berlin (Tiergarten)
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