Theater unter Beschuss
Die kommunale Finanzkrise gefährdet immer unmittelbarer und massiver die Existenz einer ganzen Reihe von Stadttheatern in NRW. Aufgrund der besonderen, langen Geschichte NRWs als Land der Städte hat sich hier als Relikt der minimale Anteil des Landes an der Finanzierung der kommunalen Theater gehalten: Noch immer sind es nur ca. 3,5 Prozent, mit denen sich das Land an den Betriebskostenzuschüssen für die Stadttheater beteiligt. In allen anderen Bundesländern bringen die Regierungen ein Vielfaches dieses Anteils auf.
In dieser Lage forderte bereits im November 2009 das NRWKS als Verbund der theatertragenden Städte einen »Bestandspakt« mit doppeltem Charakter: Zum einen wurde das Land gedrängt, seine Unterstützung für die Theater aufzustocken und damit deren Existenz für die nächsten Jahre zu sichern. Gleichzeitig haben wir den dringenden Bedarf einer gründlichen Erörterung der Möglichkeiten und Probleme der dichten Theaterlandschaft NRW formuliert. Den Auftakt zu dieser Debatte über Inhalte und Arbeitsweisen des Theaters gab es im März 2010 in Düsseldorf mit etwa 100 Theaterleuten, natürlich auch aus der sog. Freien Szene, unter der Überschrift »Städte in Finanznot, Theater unter Beschuss – was muss sich ändern?«. Im Juni 2011 wird die Debatte beim NRW Theatertreffen in Wuppertal fortgesetzt. (vgl. nrw-kultur.de/theaterdebatte). Und derweil verderben die Theater und Sparten, kommunal oder frei.
Ebenfalls im März 2010 wurde durch den Appell »Theaterpakt« des Städtetags NRW der Druck auf die Landesregierung weiter erhöht, der Weg zur Bestandssicherung der Theater konkret ausgemessen: einerseits erging die Forderung der Erhöhung des Landesanteils an den städtischen Betriebskostenzuschüssen von ca. 3,5 auf 20 Prozent, die andererseits mit dem Hinweis auf einen notwendigen »Zukunftsfonds« verbunden wurde. Dass die Theaterlandschaft in Nordrhein-Westfalen anders als bisher zu gestalten sei, diese Erkenntnis stand Pate sowohl beim »Bestandspakt« als auch bei seiner Weiterentwicklung, dem »Theaterpakt«.
Land in der Pflicht
Diese konzertierten Bemühungen von kommunaler Seite führten vor der Landtagswahl im Mai 2010 zu einem ersten Erfolg. Ein wichtiger Konsens schien in Reichweite zu sein, als sich die kulturpolitischen Sprecher der Landtagsfraktionen von CDU und SPD die Forderung nach einer deutlichen Erhöhung des Landesanteils an der Theaterfinanzierung zu eigen machten. Weniger eindeutig, aber unverkennbar sympathisierend war auch die Positionierung der Grünen. Und nach der Wahl vom Mai 2010? Es war ja zu befürchten, und tatsächlich: Der Konsens bröckelte, im Winter der Haushaltsplanung rückte der Frühling der Hoffnungen in weite Ferne. Vor der Wahl war also wieder einmal anders als nach der Wahl und Blütenträume wurden Makulatur.
Derweil verderben die Theater und Sparten immer weiter, und außerdem geht es neuerdings auch Orchestern an den Kragen: Nach der bereits avisierten Schließung des Schauspielhauses kursieren in Wuppertal weitere Kürzungsfantasien. So ließ man sich den gutachterlichen Rat geben, dem renommierten eigenen Orchester, das mit fast durchgängig ausverkauften Konzerten in der Stadt seit Jahren im Aufwind ist und breiteste Akzeptanz beim zahlreichen Publikum genießt, die Luft unter den Flügeln zu nehmen und mit den kleineren Bergischen Symphonikern aus Remscheid und Solingen zu fusionieren.
Eine Theaterkonferenz, eine Handvoll Euros …
Unterdessen scheint sich in Düsseldorf etwas zu tun. Nach einer längeren Orientierungsphase der neuen Landesregierung in Sachen Kultur lud Ministerin Ute Schäfer zum Jahreswechsel 10/11 zu zwei Gesprächsrunden ein: Zuerst die theater- und orchestertragenden Städte, anschließend die Intendanten der Staats-, Landes- und Stadttheater. Bemerkenswert und bis dahin seit vielen Legislaturperioden unbekannt war nicht nur der Vorgang selbst, sondern vor allem, dass er mit einem konkreten Angebot an die kommunalen Theater und Orchester verbunden wurde.
4,5 Millionen Euro gehen als einmalige Zahlung des Landes an die kommunalen und die Landestheater in Nordrhein-Westfalen. Mit diesem bescheidenen Angebot verband die Ministerin die Einberufung einer Theaterkonferenz, die darüber entscheiden soll, wie mit diesem Geld umgegangen wird.
Nun also wird zwar erst einmal wieder getagt und konferiert, was angesichts der prekären Lage unbedingt so rasch wie möglich geschehen muss. Immerhin wird dabei aber auch über eine kleine Summe Geldes verhandelt. Und noch ein »zwar-aber«: Die viereinhalb Millionen machen zwar, insbesondere als Einmalzahlung, nur einen Bruchteil jener gut 60 Millionen Euro aus, die jährlich notwendig sind, wollte man den Erhalt der Theater NRWs sichern; und dass die Theaterlandschaft gesichert werden soll, dazu hatte sich die Ministerin frühzeitig nach Regierungsantritt bekannt. Um dieses Erhalts der Theater willen muss es also bei der bisherigen Forderung im Rahmen des Theaterpakts bleiben, die Landeszuschüsse, und notfalls in Etappen, signifikant zu erhöhen. Andererseits aber könnten und müssen diese 4,5 Millionen für einen Paradigmenwechsel stehen: Denn erstmals bricht eine NRW-Landesregierung, dazu bei kritischer Haushaltslage, die seit Jahrzehnten zementierte Rollenverteilung Stadt-Land jedenfalls im Bereich der Theaterfinanzierung auf.
Es setzt sich die Erkenntnis durch, dass die einzigartige Theaterfülle NRWs, vor zwanzig, dreißig Jahren noch eine von den Kommunen beanspruchte Domäne, zukünftig von den Städten allein nicht mehr gewährleistet werden kann. Es gilt aber auch: Nicht nur die Kommunalaufsicht, auch die Städte selbst müssen, anders als dies in manchen Kommunen geschieht, den politischen Willen aufbringen und die entsprechenden Wege bahnen, ihrer Verpflichtung, angemessen Kulturförderung zu leisten, selbst nachzukommen.
… und eine Chance
Natürlich lässt sich diese Handvoll Euros als solche kaum anders denn als der berüchtigte Tropfen auf dem heißen Stein werten. Das gilt vor allem dann, wenn man den Betrag auf die vielen Theater und Orchester NRWs verteilen wollte – keine Frage, dass damit jede nur etwas nachhaltigere Kühlung der äußerst brenzligen Gesamtlage misslänge, der Tropfen also sofort zum Verdampfen verurteilt wäre, so wie die theatergetragene Kulturlandschaft Nordrhein-Westfalens zum Verderben.
Die Theaterkonferenz bietet aber doch eine gewisse Chance. Nur dann allerdings, wenn mehrere Voraussetzungen geschaffen werden, lässt sie sich auch ergreifen: Zum einen darf es bei dieser kleinen Landesunterstützung nicht bleiben. Zum anderen muss die Konferenz aber auch die Strukturfrage angehen und entsprechend zusammengesetzt sein: Wie kann die Theaterszene insgesamt und unter Einbeziehung der Freien Theater weiterentwickelt werden?
4,5 Millionen, sie könnten auch Anreiz sein für einen mutigen Diskurs, der Antworten jenseits liebgewordener Gewissheiten sucht, jenseits beispielsweise der überkommenen Trennung von festen und freien Produktionshäusern. Die Wirklichkeit von immer mehr Theatern in NRW mit Intendanten, die sich nicht auf solche Festschreibungen einlassen, scheint dabei weiter zu sein als manche Ansätze der kulturpolitischen Diskussion. Ziel der Konferenz müsste es sein beides zusammenzudenken: die Vielfalt der Produktionsformen des Theaters auf der einen und die Förder- und Finanzierungsansätze auf der anderen. Ohne die entsprechenden zusätzlichen Landesmittel für kommunale und freie Theater wird das nicht gehen, ebenso wenig ohne den sichtbaren und zählbaren Willen der Städte, ihren Anteil ernsthaft zu leisten. Andernfalls wird sie schnell verderben, die einzigartige Theater- und Orchesterlandschaft in Nordrhein-Westfalen.
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In: Kulturpolitische Mitteilungen Nr. 132 (I/2011)
Zu diesem Thema siehe auch vom selben Verfasser den Artikel zum Theaterpakt Nordrhein-Westfalen in »Kulturpolitische Mitteilungen« • Nr. 129 (II/2010)
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