Meine Damen und Herren, beginnen möchte ich mit einem notwendigen Rückblick. Die Probleme der Einwanderung füllen ein schwieriges Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte. In diesen fünf Jahrzehnten segelte auf dem unmerklichen Weg von den erst nationalen dann zu den globalen Gewässern so mancher Seelenverkäufer im frei flottierenden Diskurs. Das Ganze segelte dann unter den wechselnden Flaggen »Gastarbeit«, zunehmend »Asyl« und nun immerhin auch »Zuwanderung«, ja sogar »Einwanderung«. Forderungen nach der Ausweisung ohne Rücksicht auf Integration oder, aktuell, nach der Aussetzung von Schengen wegen libyscher Flüchtlinge sind immer wiederkehrende Beispiele solchen Flottierens ohne den Kompass einer reflektierten und ernsthaften, politischen Debatte.
Auch wenn Schnellschüsse dieser Art am Kern der Einwanderungsproblematik immer wieder stramm vorbei zielen, so wird doch andererseits über die langen Jahrzehnte immerhin eine Entwicklung hin zum realistischeren Umgang mit dem Thema erkennbar.
Anders war das vor allem am Anfang dieser Entwicklung, in den 50er und 60er Jahren, als etwa die kulturelle Dimension der Migration völlig unterbelichtet blieb. Der Schwenk ließ natürlich nicht lange auf sich warten: Vieles wurde nun in den leuchtendsten Farben interkulturellen Einverständnisses gemalt. Es folgte in den 90er Jahren eine gewisse Ernüchterung, die mit dem jedenfalls vorläufigen Ende der Aufklärung nach dem 11. September 2001 in manchen fundamentalistischen Köpfen gar einer kulturellen Rückbesinnungs-Paranoia wich – soll doch jeder seine eigenen kulturellen Wurzeln pflegen, am besten genau dort, wo sie liegen: zu Hause.
Und dabei hatte alles so scheinbar harmonisch begonnen, 1964 in Köln-Deutz. Begrüßt wurde damals der einmillionste Gastarbeiter, ein Portugiese. Als jedoch sein Name über Lautsprecher am Bahnsteig ausgerufen wurde, versteckte sich der übernächtigte Reisende erst einmal, um nicht, wie er später sagte, gleich von der Polizei aufgegriffen und zurückgeschickt zu werden. Erst nach und nach wurde ihm klar, dass man ihn nicht umgehend loswerden, sondern vielmehr mit Reden und Blumen, mit Transparenten und Trompeten begrüßen wollte. Mit einem Moped als Geschenk hieß man ihn, sehr zu seiner Überraschung, von Staats wegen willkommen. Denn er und seinesgleichen, die Spanier, Griechen, Italiener und dann viele Türken waren in Zeiten des Arbeitskräftemangels politisch hoch willkommen.
Auch von den Bürgern wurden sie weitgehend akzeptiert, solange sie bitteschön unter sich blieben. Schließlich sollten sie ja nur arbeiten und dann wieder verschwinden. Das Verschwinden sollte möglichst ebenso anspruchslos vonstattengehen, wie das Arbeitsleben davor, und so ließ man den aufwändig empfangenen Portugiesen, bevor er 1979 in seiner Heimat starb, nicht einmal wissen, dass er als Erkrankter Versicherungsansprüche geltend machen konnte. Die Rückkehr aus Deutschland nach der Arbeitsunfähigkeit entsprach dagegen ganz dem allgemein gewollten Lebensweg des Gastarbeiters.
Später dann entwickelte sich das Verhältnis zu denen, die jedenfalls die Älteren noch immer Gastarbeiter nennen wollten, seltsam widersprüchlich: Langsam kam man nicht mehr daran vorbei, dass die Eingeladenen sich häufig dauerhaft niedergelassen, auch Familien gegründet hatten und durchaus daran dachten, in den legitimen Genuss der erarbeiteten Renten- und Versicherungsansprüche zu gelangen und hier tatsächlich zu leben: Nicht als Verdrängte in der Besenkammer des Staatspalastes Bundesrepublik, sondern als Mitbewohner in allen Zimmern, mitten unter »uns«. Und das bedeutete: Sie brachten auch ihre Kultur und ihre Lebensweisen mit. Die fehlende Kenntnis beider Seiten voneinander, der Einwanderer wie der Gastgeber, gab und gibt Missverständ-nissen reichlich und kaum versiegende Nahrung.
Auch deshalb wurde das Klischee des willkommenen, weil vermeintlich rückkehrwilligen Gastarbeiters vom Zerrbild des schon per Antrag penetranten Asylanten abgelöst. Gleichzeitig wich die Personifizierung des Ausländers als lebensfroher italienischer Caprifischer dem kritischen Blick auf den undurchsichtigen Türken. Aber eines hatten beide jedenfalls gemeinsam: Sie waren Fremde, und als solche galt es, sie auf Sicherheitsabstand zu halten. Auf der anderen, also auf der Seite der Einwanderer gab es einen verstärkten Rückzug in die landsmannschaftliche Nische bzw. die Neigung, diese Nische von Anfang an lieber gar nicht erst zu verlassen, und beides führte zu dem, womit wir es oft noch zu tun haben: zur stellenweisen Desintegration.
Die Selbsttäuschung der Deutschen hielt lange Jahrzehnte an, bevor erst vor wenigen Jahren wenigstens das Selbstverständliche offiziell beim Namen genannt wurde: Deutschland ist ein Einwanderungsland ...
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