NRW – Das Einwandererland
Die Probleme der Einwanderung füllen ein schwieriges Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte. Ort der Handlung dieses Kapitels war – neben Berlin - ganz überwiegend Nordrhein-Westfalen. In diesen fünf Jahrzehnten segelte auf dem unmerklichen Weg von den nationalen zu den globalen Gewässern unter den wechselnden Flaggen »Gastarbeit«, dann zunehmend »Asyl« und nun immerhin auch »Zuwanderung« so mancher Seelenverkäufer im frei flottierenden Diskurs. Forderungen nach Einreisestopp oder Ausweisung ohne Rücksicht auf Integration sind jüngere Beispiele solchen Dümpelns. Auch wenn Schnellschüsse dieser Art am Kern der Migrationsproblematik stramm vorbei zielen, so wird doch andererseits über die langen Jahrzehnte immerhin eine Entwicklung hin zum realistischeren Umgang mit dem Thema erkennbar. Anders war das vor allem am Anfang dieser Entwicklung, in den 50er und 60er Jahren, als etwa die kulturelle Dimension der Migration völlig unterbelichtet blieb. Der Schwenk ließ natürlich nicht lange auf sich warten: Vieles wurde nun in den leuchtendsten Farben interkulturellen Einverständnisses gemalt. Es folgte in den 90er Jahren eine gewisse Ernüchterung, die mit dem jedenfalls vorläufigen Ende der Aufklärung nach 2001 in manchen fundamentalen Köpfen gar einer kulturellen Rückbesinnungs-Paranoia wich – soll doch jeder seine eigenen kulturellen Wurzeln pflegen, am besten genau dort, wo sie liegen: zu Hause. Und dabei hatte alles so scheinbar harmonisch begonnen, 1964 in NRW, Köln-Deutz. Begrüßt wurde damals der einmillionste Gastarbeiter, ein Portugiese. Als jedoch sein Name über Lautsprecher am Bahnsteig ausgerufen wurde, versteckte sich der übernächtigte Reisende erst einmal, um nicht, wie er später sagte, gleich von der Polizei aufgegriffen und zurückgeschickt zu werden. Erst nach und nach wurde ihm klar, dass man ihn nicht umgehend loswerden, sondern vielmehr mit Reden und Blumen, mit Transparenten und Trompeten begrüßen wollte. Mit einem Moped als Geschenk hieß man ihn, sehr zu seiner Überraschung, von Staats wegen willkommen. Denn er und seinesgleichen, die Spanier, Griechen, Italiener und dann viele Türken war in Zeiten des Arbeitskräftemangels politisch willkommen. Auch von den Bürgern wurden sie weitgehend akzeptiert, so lange sie bitteschön unter sich blieben. Schließlich sollten sie ja nur arbeiten und dann wieder verschwinden. Franz-Josef Degenhardt hat dem Gastarbeiter der 60er Jahre damals ein Denkmal gesetzt, mit seinem Lied von Tonio Schiavo, dem versklavten Arbeiter mit seinem Paradies irgendwo bei Herne. Das war natürlich zugespitzt, aber Tatsache ist, dass man dem aufwändig empfangenen Portugiesen, bevor er 1979 in seiner Heimat starb, nicht einmal gesagt hatte, dass er als Erkrankter Versicherungsansprüche geltend machen konnte. Die Rückkehr aus Deutschland nach der Arbeitsunfähigkeit entsprach dagegen ganz dem allgemein gewollten Lebensweg des Gastarbeiters.
Später dann entwickelte sich das Verhältnis zu denen, die jedenfalls die Älteren noch immer Gastarbeiter nennen wollten, seltsam widersprüchlich: Langsam kam man nicht mehr daran vorbei, dass die Eingeladenen sich häufig dauerhaft niedergelassen, auch Familien gegründet hatten und durchaus daran dachten, in den legitimen Genuss der erarbeiteten Renten- und Versicherungsansprüche zu gelangen und hier tatsächlich zu leben: Nicht als Verdrängte in der Besenkammer des Staatsgebäudes Bundesrepublik, sondern als Mitbewohner in allen Zimmern, mitten unter »uns«. Und das bedeutete: Sie brachten auch ihre Kultur und ihre Lebensweisen mit - Anlass zur verschämten oder manchmal auch aggressiven Furcht für die einen, zur Neugier oder romantisch überbordenden Begeisterung für die anderen. Gleichzeitig wurde das Klischee des willkommenen, weil vermeintlich rückkehrwilligen Gastarbeiters vom Zerrbild des per Antrag penetranten Asylanten abgelöst, wich die Personifizierung des Ausländers als lebensfroher italienischer Caprifischer dem kritischen Blick auf den undurchsichtigen Türken. Aber eines hatten beide jedenfalls gemeinsam: Sie waren Fremde und als solche auf Sicherheitsabstand zu halten. Auf der anderen, der Seite der Migranten gab es einen verstärkten Rückzug in die landsmannschaftliche Nische, und beides führte zu dem, womit wir es zu tun haben: zur Desintegration.
Und wo stehen wir nun? Beim Integrationsgipfel kürzlich in Berlin, aus dessen Anlass auch immer wieder an die Gastarbeiterbegrüßung als Stunde Null erinnert wurde, wurde jetzt das Selbstverständliche beim Namen genannt: Deutschland ist ein Einwanderungsland. Was auch bedeutet, dass Deutschland ein Land mit vielen Kulturen ist. Und hier liegt ein Schlüssel zur Gestaltung dieses Einwanderungslandes, auch wenn Kultur als Allheilmittel gegen Desintegration sicher überfordert wäre. Dazu ist sie viel zu ambivalent, kann ebenso als Balsam lindern wie als Säure ätzen. So oder so ist Kultur als Grundlage und Ausdruck der lebensweltlichen, religiösen und mentalen Eigenart besonders geeignet, Orientierungshilfe im unübersichtlichen Gelände der Unterschiede und Gemeinsamkeiten – denn auch die gibt es - zu bieten. Auf diese Weise kann Kultur verbinden, am ehesten dann, wenn die im gemeinschaftlichen Dialog erkundete kulturelle Differenz zunächst einmal wahrgenommen statt verbrämt wird. In diesem Sinne müsste die in Teilen noch immer gern kuschelig daherkommende »Interkultur« richtiger als »integrative Transkultur« verstanden werden: Nämlich als ein kultureller Dialog zwischen verschiedenen Haltungen, für deren jeweilige Besonderheit es allerdings die Sinne zu öffnen gilt - in Kenntnis der eigenen, stets im Wandel tradierten und in ihrer Kontinuität veränderlichen Kultur. Tradition in diesem Verständnis ist dann auch nicht Schlamperei, sondern tragfähig wandelbares Fundament für Neues. Diese Tradition auch kennen zu lernen, dafür ist die wesentliche Voraussetzung die kulturelle Bildung in Schule und Medien: Nur wissend kann es gelingen, kultiviert mit dem Fremden, Anderen umzugehen und der jeweils anderen Kultur offen zu begegnen, um sie für sich produktiv zu machen. Migration hat jenseits des Bildes vom braven Gastarbeiter und der verzerrten Vorstellung vom raffgierigen Ausländer viele Gesichter. Ihnen auf dem Gebiet der Kultur mit offenem Visier zu begegnen, in der legitimen Erwartung, dass dies auch für das Gegenüber gilt, ist das Anliegen auch des NRW KULTURsekretariats. So setzt dieser bewährte Verbund von über 20 großen Mitgliedsstädten den Dialog praktisch um: zum Beispiel mit Weltmusik-Konzerten jenseits des Mainstreams, im kleinen Rahmen wie in Konzerthäusern; mit zweisprachigen Kursen auf dem türkischen Lauteninstrument Baglama in einem Dutzend Musikschulen des Landes, wobei die Zahl der türkischen und deutschen Teilnehmer und Interessenten stetig wächst; und mit einem Großprojekt der Bildenden Kunst, auf hohem künstlerischen Niveau: So führt der Kunstaustausch »Transfer« im transkulturellen Dialog wichtige türkische und deutsche Künstler insbesondere bei Aufenthalten in NRW und in der Türkei zusammen, Ausstellungen in beiden Ländern eingeschlossen. Aus dem durchaus nicht leicht errungenen Erfolg dieser Ansätze wächst die Erkenntnis, dass der Dialog der Kulturen durchaus funktionieren kann - wenn konkret gehandelt wird, statt sich überwiegend darauf zu beschränken, das Problem jahraus, jahrein auf Tagungen zu verhandeln. Bleiben wir also dran!
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