»Vor allem geht es darum, dass wir vor dem Hintergrund zunehmenden finanziellen und politischen Drucks in den Städten immer weniger Risikobereitschaft an Theatern finden«, sagt Christian Esch, Direktor des NRW KULTURsekretariats. Die Therapie zur betrüblichen Diagnose in Sachen Zukunft des Musiktheaters kommt deshalb im Doppelpack. Ein Fonds für »neues« und ein weiterer für »experimentelles« Musiktheater sollen helfen, »Formate, Produktionen zu entwickeln, die anstrengen, die gegenläufig sind in Bezug auf den Mainstream«.
neue musikzeitung: Den »Fonds Neues Musiktheater« gibt es jetzt zehn Jahre. Ein »Kontrapunkt« zum »klassischen Repertoire« soll es sein, so steht es jedenfalls auf der Homepage des Kultursekretariats zu lesen …
Christian Esch: Das ist so. Wir fördern das nicht gängige, neue Musiktheater. Dabei sind Premieren und Uraufführungen gesetzt – unabhängig vom Komponisten –, solange es kein einfaches Musical ist. Für die Höhe der Förderung spielt eine Rolle, wieviele Aufführungen und wieviel Platzangebot es gibt und wie groß insgesamt der Produktionsaufwand ist. Maßstab ist also nicht zuletzt der Umfang des Risikos. Wir fördern übrigens auch Kompositionsaufträge.
nmz: Wie ist das Prozedere? Die Häuser kommen auf Sie zu?
Esch: Ja, wir fördern, was an uns herangetragen wird, das aber erst durch unsere Förderung einigermaßen möglich wird. Das sind übrigens Sondermittel, die wir kommissarisch für das Land NRW verwalten, also ein Extra-Geld, das wir für die Kommunal- und – selten – Landestheater ausgeben.
nmz: In welcher Höhe?
Esch: 250.000 Euro jährlich.
nmz: Zusammen mit der Kunststiftung NRW haben Sie nun seit 2005 außerdem einen »Fonds Experimentelles Musiktheater« aufgelegt. Wie darf man das verstehen: der eine die Weiterentwicklung des anderen?
Esch: Weiterentwicklung könnte man sagen, noch besser: Zuspitzung. Die Nähe der beiden Fonds-Bezeichnungen ist unübersehbar. Ich habe das bewusst so genannt, um deutlich zu machen, dass es sich bei beiden Fonds um die Förderung von zeitgenössischem oder rezentem Musiktheater handelt, wenn auch mit grundsätzlich verschiedenem Ansatz.
nmz: Was ist das Experimentelle am »Fonds Experimentelles Musiktheater«?
Esch: Das Experimentelle besteht darin, dass wir eine Ausschreibung machen und dann per hochqualifizierter Jury die Auswahl treffen aus eben diesen Projekten, die eingereicht werden.
nmz: Sie kaufen die Katze im Sack?
Esch: Nicht gerade im Sack, aber im Halbdunkel.
nmz: Weil Sie nicht wissen können, wie so etwas ausgeht …
Esch: Sicher. Das Projekt ist noch nicht entstanden, und insofern kann man das nicht vorher wissen. Ich lege allerdings großen Wert auf die Feststellung, dass es ein abgesichertes Experiment ist in der Weise, dass wir per Dramaturgie, Begleitung durch die Häuser und vieles mehr nichts unversucht lassen, die Bedingungen für dieses Experiment kontrollierbar zu halten. Wir möchten natürlich beeinflussen, dass es (um im Labor-Bild zu bleiben) im Ergebnis nicht nur stinkt und kracht. Dennoch: Es kann auch scheitern.
nmz: Auf welche Situation reagiert denn die Einrichtung dieses Fonds?
Esch: Schauen Sie sich an, was an den Häusern geschieht: Uraufführungen beispielsweise sind recht selten. Wenn es welche gibt, dann der Werke von Komponisten, die als Erfolgskomponisten gelten, oder die jedenfalls einen sehr großen Namen haben, sagen wir Stockhausen oder Glanert als Erfolgskomponisten. Das ist legitim und sehr gut so. Aber wie sieht’s eigentlich aus mit den Komponisten, Autoren oder Regisseuren, die noch keine großen Namen haben? Oder die als schwierige Kantonisten gelten, die man so ohne weiteres lieber nicht heranlassen möchte, etwa weil man fürchtet, dass der Betrieb durcheinander gebracht wird? Dem setzen wir das Experiment entgegen.
nmz: Hinter Ihrem Förderkonzept, das darauf aus ist, ein ganzes Team sich generieren zu lassen, steckt ja eine ältere Idee. Spontan fallen mir ein: Komponisten/Autoren-Teams wie Da Ponte/Mozart oder – 20. Jahrhundert – Strauss/Hofmannsthal …
Esch: … oder Brecht/Weill. Vor allem diese letzte Konstellation steht für eine Entwicklung, die durch den Zweiten Weltkrieg in Deutschland abgerissen ist. Der »Fonds Experimentelles Musiktheater« fördert unterschiedliche Verbindungen von Raum, Text und Musik. Ganz wichtig: Es kommt dabei immer wieder zu unterschiedlichen Gewichtungen. Es kann sein, dass eine Produktion sehr musikdominiert ist, während die nächste textorientiert ist, wieder andere können installativen Charakter haben.
nmz: Kommen wir mal zur Abteilung Zahlen – Daten – Fakten. Was wird pro Produktion ausgeschüttet?
Esch: Für die Produktion selbst bis zu 80.000 Euro. Darüber hinaus gibt es noch Mittel, die wir dazutun – für Dramaturgie, Publikationen, Werbung und dergleichen. Wir liegen also am Ende schon einmal bei 110 bis 115.000 Euro. Dieses Geld wird aufgebracht von beiden Projektträgern: Dem NRW KULTURsekretariat und der Kunststiftung NRW, mit der wir das auch gemeinsam entwickelt haben.
nmz: Was steuern die Häuser bei?
Esch: Die Endproben finden im Theater statt. Das Haus stellt auch Hilfe bei Bühne, Kostüme zur Verfügung, und deswegen kann man von Seiten der Häuser von einigen zigtausend Euro als deren Leistung ausgehen.
nmz: Wie sieht die Zwischenbilanz aus?
Esch: Es gab eine ganze Spannbreite von Qualität. Wir sind natürlich nicht nur, aber doch manchmal begeistert gewesen von dem, was da entstanden ist. Nie waren wir enttäuscht, denn immer hat es neue Impulse, Sicht- und Hörweisen, einen besonderen Zugang zum Musiktheater gegeben. Öfter sind auch zweite, dritte Aufführungen entstanden, sei es, dass die Produktion auf Kampnagel in Hamburg gastierte oder bei MaerzMusik in Berlin oder auch zur Berner Biennale in der Schweiz aufgeführt wurde. Solche weitere Aufführungen tragen auch zur Entwicklung einer Produktion bei, die sich eben verändert, wenn sie gastiert.
nmz: Wie ist eigentlich die Resonanz? Läuft der Briefkasten über mit Projektbewerbungen?
Esch: Es gibt meist um die 40, 45 Einreichungen – sowohl aus Deutschland als auch internationale. Der Fonds hat sich weit herumgesprochen, weil er tatsächlich einmalig ist. Bei MaerzMusik im letzten Jahr wurde er ausführlich vorgestellt, zumal ein solches Format überall schmerzlich vermisst wird.
Diese Lücke füllen wir und sind stolz darauf.
nmz: Ist der experimentelle Wagemut ausgestorben hierzulande?
Esch: Nun, schauen Sie sich an, was etwa die Kroll-Oper um 1930 in Berlin machen durfte; letztlich mit politischer Billigung, obwohl sie zum Beispiel in Verdacht stand, kommunistisch »unterwandert« zu sein. So etwas war möglich in einem Klima, das es ermöglichte, mit Kunst und Kultur Risiken einzugehen, ja sich mit solchem Risiko zu schmücken.
nmz: Das war vor dem Krieg.
Esch: Manches gab es auch später noch. Denken Sie an die Weiterführung der Donaueschinger Musiktage. Oder an Köln und die Experimentellen Studios. Leider Vergangenheit. Und an das, was in Sachen Musiktheater in Frankfurt geschah oder später in Stuttgart. Wo wäre es heute noch wie in Frankfurt um 1980 möglich, dass ein Team viele Jahre lang die Arbeit fortsetzen und weiterentwickeln kann, obwohl es scharfe Proteste des Publikums erntete und lange auch eine schlechte Auslastung hatte, obwohl es Kritik hagelte von allen Seiten? Daraus würden doch heute die Kulturpolitiker ganz schnell Konsequenzen ziehen. Diese Freiräume zuzulassen und dabei die öffentlichen Mittel als solche einzusetzen, die sonst kaum Mögliches ermöglichen: Das Bewusstsein für diese Notwendigkeiten entwickelt sich zurück. Die Gründe dafür sind natürlich vielfältig, genannt seien stellvertretend: Bildung, Finanzen, Politik.
nmz: Fördern, was es schwer hat, hat Ihr Vorgänger immer gesagt an dieser Stelle.
Esch: Das gilt im Wesentlichen auch weiterhin. Wir tragen es nur nicht vor uns her, weil es etwas schlecht gelaunt klingt.
(Interview: Georg Beck)
Das Interview ist in der nmz, Ausgabe 4/11 erschienen
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