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September 2010

Anspruch statt Großsprech!

Anspruch statt Großsprech!

Etwas Faszinierendes haben sie, die Massenevents. Für kurze Zeit steht man im Mittelpunkt, jeder für sich und alle gemeinsam. Man feiert sich mit den anderen, gefühlt entsteht eine große Gemeinschaft, wenn nicht Gemeinde. Je größer das Ganze, desto besser, und so gab es auch für die Kulturhauptstadt nichts Größeres als dieses ganz Große. Rekorde galt es aufzustellen, Millionenzahlen in die staunende Medienöffentlichkeit zu senden, und das am besten gleich mehrfach. Im Juli wollte man es der Welt gleich zweimal zeigen: Wir halten mit, wir sind irgendwie Metropole. So ging es erst einmal auf die A40. Zumindest einen Tag lang wollte wenigstens die Ruhr.2010 selber an ihre Marke Metropole Ruhr glauben. Millionen Menschen auf der Autobahn feierten, es gelang eine logistische Meisterleistung, über Bilder verbreitet, marketingtauglich und imagebildend. Tatsächlich, an diesem Sonntag funktionierte das in bester Stimmung, launig, heiter, friedlich. Die B1 brummte auch ohne Sprit, und selbst auf seinen täglichen Stau musste keiner verzichten. Alles war rekordverdächtig groß, alles war voll, alles war anders.

Ein Sonntag später die Katastrophe: Alles zu groß, alles zu voll und ganz anders als geplant. An die Ruhr hatte die Loveparade unter allen Umständen zu kommen, gegen alle Bedenken, und zur Kulturhauptstadt allemal. Doch die aufgeblasene Metropole erwies sich als überfordert, der Griff nach den Sternen wurde zum Desaster. Die Wirklichkeit hielt dem großsprecherischen Anspruch nicht stand, das Ergebnis: Tote, Panik, Chaos.

Die Jagd nach kurzfristiger Aufmerksamkeit und leuchten Highlights, sie hat ein jähes Ende gefunden. Schon lang drohte ein gewisses Gernegroßgehabe Kultur und Kunst als das Wesentliche der Kulturhauptstadt zu überlagern. Kein Zweifel: Marketing muss als Instrument einer modernen Kulturveranstaltung sein. Und doch gilt es gerade jetzt dem Eindruck zu begegnen, dass das Eigentliche, nämlich Kunst und Kultur, diesem Hilfsmittel untergeordnet werde. Besinnen wir uns auf die große Zahl anspruchsvoller Kunstprojekte, ehrgeiziger Kulturveranstaltungen! Stellen wir in den Vordergrund, was diese Kulturhauptstadt tatsächlich geleistet hat: Mit dem Henze-Projekt auf dem Gebiet der Musik, mit 2-3 Straßen auf dem Gebiet der Kunst, mit der Vernetzung von Museen und Theatern und vielem mehr. Es gibt genug, was tatsächlich zu feiern ist, auch ohne Rekordzahlen und Medienpomp, genug, was Impulse gibt für die Zukunft dieses Region, die das Label „Metropole“ so wenig braucht wie der Fisch das Fahrrad. Anspruch statt Großsprech, dies muss erkennbar das Zentrum des Großprojekts Ruhr.2010 sein.

links: © Günter Hartmann | pixelio.de
rechts: © NRW KULTUR | 2009
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