Ein weißer Elefant? Kulturendialog auf Achse
Es fährt ein Zug nach irgendwo im Ruhrgebiet. Melez heißt er und trägt damit den Namen eines strahlkräftigen und ortsfesten Festivals in Bochum. So erfolgreich und kraftvoll war diese Begegnung mit Einwanderer-Kulturen gewesen, dass es zu einem der Hauptgründe wurde für die Vergabe des Kulturhauptstadt-Titels an Essen und Co. Dieser Tage fährt nun also ein Melez-Zug, hin und her, Duisburg hin und zurück, Dortmund hin und zurück, Duisburg, Dortmund, rauf und runter, ein Karussell auf Schienen, »und dann und wann ein weißer Elefant«.
Fast so exotisch wie das Geschöpf aus Rilkes Karussell-Gedicht kommt einem inzwischen vor, was noch vor Monaten gewohnter Integrations-Alltag schien. War nicht – allerdings mit jahrzehntelanger Verspätung – endlich das Faktum Einwanderungsgesellschaft sogar in der Politikspitze angekommen? Gab es nicht einigermaßen Einigkeit darüber, dass soziale Ausgrenzung und ungenügende Bildungschancen zwei Seiten eines Problems sind, ganz grundsätzlich und unabhängig von Migration? Wurde übrigens dabei vertuscht, dass die Integration in der Praxis erhebliche Schwierigkeiten machte? Schon merkwürdig lang scheint diese Zeit zurückzuliegen. Und heute? Die Melez-Bahn, sie pendelt im Land, und dann und wann ein weißer Elefant …
… und immer wieder werden sie gedreht und gewendet, unstrittige Diagnosen, die als neue Sau durchs alte Dorf weniger gejagt als gezogen werden. Ja, Bildungs¬ferne ist Ausgrenzung, wir wissen es zur Genüge, Bildung muss ausgebaut werden, auch das wissen wir seit vielen, vielen Jahren, Aber was geschieht? Ein Finanzsenator namens Sarrazin kürzt in Berlin die ganze Bildungslandschaft zusammen, wie eine Reihe seiner Kollegen und Kolleginnen andernorts in Land und Kommune. Zugleich erschallt im Chor, auch jetzt wieder, der talkshowtaugliche Ruf: mehr Bildung! Um aber möglichst wenig tun zu müssen, ohne dabei aufs Profilieren zu verzichten, wird weiter schön im Kreis gedreht und dazu noch ein Hilfsrotor eingebaut. Bildung? Schon, aber bloß ohne Moslems, tönt es sarrazynisch vom Karussell, und in einem Aufwasch können so gleich noch die »wertlosen« Einwanderer wie Ballast abgeworfen werden. Und dann und wann ein mieser Querulant …
… und Zustimmung folgt auf dem Fuße: »Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!« Gewohnt demagogisch taucht aus der Versenkung das jederzeit vorrätige Zerrbild einer angeblichen Stimmung auf, die damit erst richtig erzeugt wird, als Gift im Dialog der Kulturen. In verödender Landschaft pendelt Melez hin und her, dreizehnmal ab dem Tag der Deutschen Vielheit, mit ein bisschen Musik, ein bisschen Gespräch, ein bisschen Freundlichkeit. Und dann und wann ein weißer Elefant … und plötzlich erscheint sogar dieses ziemlich Wenige als viel.
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