Türkisch in Berlin, Herne auf Taksim
Auf engstem Raum trafen sie aufeinander, 40.000 türkische und 35.000 deutsche Berliner - konnte das gut gehen? Brauchte es da nicht die ganze Polizei und alle Wasserwerfer? Jedenfalls möglichst alle verfügbaren Kräfte, die nicht in Stuttgart die gewaltige Bedrohung von Schülern und Schwaben niederzukämpfen hatten? Denn in Berlin sollte es vorhersehbar zu einem wahren Horrorszenario kommen: Hier die integrationsverweigernden islamistischen Türken mit ihren osmanischen Blutfahnen, dort die toleranten Verteidiger der deutschen Kultur der Dichter und Denker, beide Seiten massenhaft zusammengerottet in einem Stadion: Wer da heil rauskommen würde, umtost vom Kreuzfeuer der seit Monaten tobenden Schlacht um die Medienhoheit über die Stamm- und Schreibtische?
Wieder mal geht es ums Ganze, denn unter der Rettung des Abendlands macht man es nicht. Nur, was machen die, von denen die Rede ist, die Parallelgesellschaften? Statt sich die Köpfe einzuschlagen und auf diese Weise leicht verwertbare Beweise für das generell scheiternde Zusammenleben zu liefern, erlauben sie sich schlicht, ihre Gegensätze beim gemeinsamen Feiern auszutragen - für die Türkei sind die einen, für Deutschland die anderen - und sie tun das im Gegeneinander während des Länderspiels und im Miteinander danach. Was wieder einmal zeigt: Die Praxis, so viele durchaus auch massive Probleme und Gegensätze es gibt, ist viel weiter, als so mancher Meinungsmacher es meint oder glauben machen will, wenn selbst die banale Feststellung, dass der Islam in Deutschland inzwischen dazugehört, bereits als Verrat am christlich-jüdischen Abendland gegeißelt wird.
Halten wir uns also, wie die Menschen in Berlin, an die Praxis des gemeinsamen Handelns statt gegenseitigen Vergiftens. So geschieht es zum Beispiel durch eine Reihe von kleineren Ansätzen auch der Kulturhauptstadt, besser gesagt: der beiden Kulturhauptstädte an Ruhr und Bosporus: Ein Theater in Istanbul koproduziert mit einer deutschen Gruppe, Hip-Hopper aus Herne battlen unter dem Label „Pottborus“ am Taksim-Platz mit ihren türkischen Kollegen, die Bilgi-Universität am Goldenen Horn macht den Think Tank für eine Akademie des internationalen Hip-Hop, und, und - und: Gerade jetzt wurde in Essen der Deutsch-Türkische Kulturrat NRW wiederbelebt (dtr-kulturrat.de). Wer tut mit?
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