Drunter und drüber
Jetzt stürmen sie also den Himmel – nicht etwa manche hochfliegenden Träume, 2010 könnte ein Kulturzeitalter für die Region anbrechen. Solche luftigen Fantasien sind ja derzeit fest geerdet, leider aber nicht verankert in der betonierten Wirklichkeit von Städten, die jetzt durch die (von uns entschuldete) Bank, also flächendeckend, in die Überschuldung torkeln – und das im Kulturhauptstadtjahr. Wenn schon hier unten nichts gestürmt wird, kein Rathaus und auch kein Landtag, dann richtet sich der Blick halt in den Himmel. Und diesen Himmel – der doch am wenigsten dafür kann – stürmen am 22. Mai ein paar hundert orangene Ballons. »Schachtzeichen« heißen sie, und als solche werden sie für ein paar Tage nicht nur rumhängen, sondern dabei, nicht faul, zeichenhaft in die Tiefe verweisen, die unten liegt. Dorthin, wo vormals in Stollen und Schächten so atemberaubend geächzt und gekeucht wurde, wie das beim besten Willen heute kaum einer mehr hinbekommt – obwohl doch dem Kulturraum Ruhrgebiet gerade krisenhaft die Luft auszugehen droht.
Aber atmen wir erst mal durch: denn es gibt sie ja noch, die Vielfalt der Kultur, so zahlreich wie jene Ballons dort oben, die eine Karte der Vergangenheit in die Wolken zeichnen. Gegenwart und Zukunft dagegen liegen hier vor uns am Boden, nein, noch nicht. Sagen wir lieber: sie liegen in den Möglichkeiten und Chancen einer dichten Museums- und Theaterlandschaft. So wurde gerade das Kunstprojekt »Mapping the Region« von einem neuen, selbstbestimmten Netzwerk auf der Landkarte des Ruhrgebiets angeschoben, den sogenannten Ruhrkunstmuseen als Zusammenschluss von 20 Museen. Und noch ein anderer Verbund hat sich entwickelt, wenn auch vorläufig nur projektweise. Sechs Theater zeigten kürzlich gemeinsam, wie eine Irrfahrt im Dickicht der Kulturlandschaft Ruhr glücklich enden kann. Mit einer »Odyssee« von sechs Uraufführungen stimmten sie rechtzeitig zur Kulturhauptstadt in Homers epische Gesänge ein und machten klar, dass zukünftig auch und gerade im Bereich Theater mehr in Kooperation geschehen muss.
Nur: so wie es ohne Kohlegewinnung keine Schächte gibt, so gibt es ohne Geldmittel keine Kunst und Kultur, hier bei uns, auf Augenhöhe und vor der Nase. Den Himmel überlassen wir dafür gern den Spatzen und Ballons. Denn jedenfalls derzeit brauchen Theater und Museen, Soziokulturzentren und Kulturämter keine bunten Ballons als Verweise auf ihre Stilllegung. Damit das auch so bleibt, muss in den Städten von der Politik der Mut aufgebracht werden, Soziales und Kultur nicht gegeneinander auszuspielen. Sonst wäre es wohl doch besser, statt den Himmel vielmehr Politik und Rathaus zu bestürmen, auch Unbequemes zu vertreten. Damit das Ruhrgebiet nicht zum sozial wie auch kulturell verarmten Landstrich wird, über den man überhaupt keinen Ballon mehr aufsteigen lässt, weil unter dem Himmel die trist betonierte Wirklichkeit nur noch Vergangenheit hat, aber keine Zukunft.
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