50 Jahre Mutprobe Kultur
Wenige Kilometer voneinander entfernt stehen sie: Deutschlands schönste Theaterbauten der Nachkriegszeit. Nicht in München oder Hamburg, nicht in Köln und auch nicht in Berlin, sondern in Essen und Gelsenkirchen. Als 1959 das Musiktheater im Revier (MiR) eröffnet wurde, hatte man nebenan gerade die Entscheidung für die Gestaltung des eigenen Hauses getroffen. Fast zeitgleich wurden damit in beiden Städten durch die Architekten Werner Ruhnau und Alvar Aalto und ihre transparenten und eleganten Entwürfe starke Zeichen für das Selbstverständnis einer Region im Umbruch gesetzt. Diese Architektur zeigte eindrücklich, wie sich die Kultur in der Demokratie verstehen wollte: Offen, transparent und im Dialog mit der Stadt, die sie ermöglicht und finanziert.
Erst kürzlich, bei der Wiedereröffnung des renovierten MiR, wurde diese öffentlich verantwortete Kultur aus der Mitte der Gesellschaft wieder bekräftigt. Das ist beileibe keine Selbstverständlichkeit heute, wo sich der Intendant des Aalto-Theaters gezwungen sieht, einen Brandbrief gegen die populistische Unterstellung zu schreiben, die Kultur habe wesentlichen Anteil an der Finanzmisere der Städte – mit weit weniger als 2% des Haushalts, by the way! Theater abschaffen, so schallt es in diesen Tagen aus Düsseldorf, das sei mutig! Sollte sich also 50 Jahre nach Konzeption und Bau von Aalto-Theater und MiR ein solches Kultur(un)verständnis Bahn brechen, oder handelt es sich bloß um die wenig qualifizierte Einlassung eines einzelnen, wenn auch wichtigen Entscheidungsträgers anno 2010?
Aber lassen wir die Kirche im Dorf und das Theater in der Stadt. Immerhin gesellt sich gerade jetzt zu den beiden Ikonen der Theaterarchitektur ein weiteres Glanzlicht mit David Chipperfields lichtdurchflutetem, der Stadt und ihren Bürgern zugewandtem neuen Museum Folkwang. Bei näherem Hinsehen allerdings zeigt sich, dass diesen schönen Neubau nicht etwa die Stadt, sondern einzig ein Ruhrbaron alten Schlags verantwortet hat. So sehr also diese großzügige Rückführung von Geldern in die Gesellschaft, aus der sie auch kommen, Anlass zu Freude und Dankbarkeit ist, so muss gleichzeitig darauf bestanden werden, dass auch zukünftig die Verantwortung der öffentlichen Hand für die Kultur erhalten bleibt. Heute nicht anders als in den vergangenen Jahrzehnten.
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