Versprochen
Das waren noch Zeiten! 2006 hatte man sich ein Versprechen gegeben. Erstmals machte sich ein Ballungsgebiet von über 50 Städten gemeinsam auf den Weg, Europa und der Welt zu zeigen, wie das gebeutelte Ruhrgebiet den Wandel von der Industrie- zur Kulturgesellschaft gestaltet. Voller Elan und Kunstsinn, so die Botschaft, sollte 2010 zur Blüte gebracht werden, was in den letzten Jahrzehnten oft eher im Verborgenen so erfreulich gewachsen und gediehen war. Stolz verwies man auf die unvergleichliche Fülle von Theatern, Konzerthäusern und Museen.
Gar nicht so lang ist das her. Inzwischen schämt man sich mancherorts schon für diese Dichte der Kulturlandschaft und macht sich immer ungenierter an ihre Ausdünnung. Sollte das Versprechen etwa ein Versprecher gewesen sein?
Immer deutlicher wird: vom Versprechen des Aufbruchs in die neue, bessere Welt des Wandels wird wohl eher sein Gegenteil gehalten, wenn es nach den Räten und Aufsichtsbehörden geht. Und so gerät das eben erst polierte Image von der aufstrebenden Metropole Ruhr ins Zwielicht, denn von Moers bis Unna gehen die Lichter aus: Aber nicht nur an der Straßenbeleuchtung wird gespart. Gleichzeitig werden Services und Bürgernähe zurückgefahren, Bustickets, Parkgebühren, Kita-Gebühren und Gewerbesteuern zum Teil drastisch erhöht, Schließzeiten verlängert, Stadtteilbibliotheken geschlossen. Dazu sollen das Stadttheater, das Programmkino, das Museum baden gehen, allerdings bei reduzierter Wassertemperatur in den verbliebenen Schwimmbädern.
So groß die wachsende Verunsicherung ist, so ungewiss die nächsten Monate und Jahre sind, auf einen Reflex ist jedenfalls Verlass, auch anno 2010: Es muss ein Sündenbock her. Wenn die Krise schon so abstrakt ist und die Ursachenanalyse so kompliziert, dann ist es am einfachsten, man sucht sich ganz schnell den nächsten besten Schuldigen. Und hat ihn auch gleich gefunden, jedenfalls wenn es nach der WAZ geht. Anlässlich der enormen Kürzungen bei Theater und Philharmonie wurde gefeiert, dass es nun auch der Kultur an den Kragen geht. Dass sie unser gutes Geld verprasst, die Öffentlichkeit mit falschen Aussagen täuscht und natürlich jammert, daran kann es selbstverständlich keinen Zweifel geben. Und wenn doch, dann räumt sie ein hübscher »Leserbrief« aus, der ganz zufällig neben dem Artikel steht. Sein Tenor: Die Kultur soll sich kuschen, wo sie doch eh nur unter sich bleiben will und es bitteschön auch soll. Aber vielleicht war diese demagogische Attacke nur ein krasser Versprecher. Oder sollte ausgerechnet das lokale Feuilleton zum Kampforgan gegen die Kultur mutieren? Dann kann das noch heiter werden – versprochen!
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