Fantasie und Schneegestöber im Revier
»Überlebenspakete« hat die RUHR.2010 den Gästen des offiziellen Eröffnungsfestakts wegen Schnee-Tief »Daisy« in die Hand drücken lassen, mit Sitzfolie, Decke und Handwärmer. Den Flachmann sollte man, so die Empfehlung, selber mitbringen. Vom erhofften Bilderzauber an der Kokerei auf Zollverein wollte man sich partout nicht abbringen lassen und wurde dafür mit einem bildmächtigen Event belohnt. Bilder, das sind für die RUHR.2010 »key visuals« als Schlüssel für ein erfolgreiches Kulturhauptstadtjahr, um so das Image eines neuen, anderen Ruhrgebiets heraufzubeschwören. Unklar blieb, warum man dafür nun ausgerechnet die alten, klischeeverdächtigen Bilder des Ruhrgebiets aus jener Versenkung holte, in der man sie laut Ansage doch eigentlich am liebsten verschwinden lassen wollte. Jedenfalls fehlte kaum eine der bekannten Zutaten von Stahl, Kohle, Maloche und Kumpels. Grönemeyer setzte mit seiner pathetischen Auftragsarbeit »Ruhr-Hymne« noch eins drauf mit seiner Botschaft: Komm zur Ruhr, hier sind sie alle ehrlich und gerade – oder so ähnlich. Wie auch immer: Authentisch und reizvoll rauhbeinig wirkte dieser Kaltstart vor der Kokerei-Kulisse mit Fantasie und Schneegestöber allemal.
Inzwischen sind Hymnen-Schall und Hochofen-Rauch der Eröffnung abgezogen, und so wird nun auch die Sicht auf wetterfeste Indoor-Höhepunkte wieder freier, denn sie sind neben den nächsten bilderstarken Open-Air-Events »Schachtzeichen« und der B1-Sperrung »Still-Leben« bekanntlich ebenfalls geplant. Auch in ganz traditionellen Theatern, Museen und Konzertsälen werden Kunst und Kultur zu erleben sein, ja sogar ganz unspektakulär in gewöhnlichen Mietshäusern des Ruhrgebiets – pardon: der Metropole Ruhr. Dort stehen seit Jahresbeginn die Menschen vor Ort und ihre Besucher im Mittelpunkt, als Teilnehmer eines ganzjährigen Kunstkonzepts, das vieles ist: fantasievoll, partizipativ und vor allem: von erheblicher Langzeitwirkung.
Gemeint ist das vom NRW KULTURsekretariat vor Jahren angeschobene, jetzt gestartete Projekt »2-3 Straßen« des Konzeptkünstlers Jochen Gerz, eine Ausstellung zur kreativen Lebenswelt von neuen Bewohnern des Ruhrgebiets. Von einer klaren Unterscheidung zwischen Betrachter und Betrachtetem kann dabei keine Rede sein. Denn die Wirklichkeit selbst wird hier zum Kunsterlebnis, in jeweils einer Straße der Städte Duisburg, Mülheim und Dortmund, und viele Menschen, ob Altmieter, Neubewohner oder Besucher werden dabei zu Akteuren. Am Ende steht ein Buch, geschrieben von hundert Händen. Wichtigste Zutaten dieses Projekts: Kreativität, Kommunikation und lebendige Kultur. (www.2-3strassen.eu)
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