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Mohammedanische Versuchungen

Die Mittagshitze hatte ihren Höhepunkt erreicht. Er hätte einschlafen können, wäre da nicht seine bohrende Neugier gewesen.

„Mohammedanische Versuchungen“ (Textauszug)

Die Mittagshitze hatte ihren Höhepunkt erreicht. Er hätte einschlafen können, wäre da nicht seine bohrende Neugier gewesen. Die erste Sure, die er nun las, kannte er. Er konnte sie auf arabisch lesen, wenngleich er nicht jedes Wort verstand, denn er hatte sie mit dem Algerier in seinem Hotel in Tunis geübt. Sie klang schön. Aber es stand eigentlich nichts Besonderes darin. (...) Schon hatte die zweite Sure begonnen, die Sure mit dem seltsam prosaischen Titel »Die Kuh«. Es war ihm beim besten Willen unmöglich, diesen Titel nicht häßlich und unangemessen zu finden. Die Kuh. Wie konnte man eine heiligen, hochverehrten Text mit »Die Kuh« überschreiben? Er stellte sich Kühe vor. Gewiß, sehr nützliche, sehr friedliche Tiere. Man konnte gegen Kühe nicht wirklich etwas einwenden. Aber gab es langweiligere, unpoetischere Lebewesen? Wenn er an eine Kuh dachte, fiel ihm nichts ein außer einer Weide mit einer Kuh darauf, und das war noch die geschönte Variante verglichen mit der Massentierhaltung, die für die heutigen Kühe wohl charakteristischer war. Selbst ein Schwein, dachte er, die Abneigung der Muslime gegen Schweine in Betracht ziehend, hatte mehr Bedeutung als eine Kuh. Ein Schwein taugte zumindest für ein brauchbares Schimpfwort. Nicht einmal dazu eignete sich »Kuh«. Es mußte schon eine blöde Kuh sein, und selbst das war eines der schwächsten und langweiligsten, überdies nur gegen Mädchen anwendbaren deutschen Schimpfwörter. Hinzu kam das lächerliche Detail, daß diese Sure auf französisch »La vache« hieß und er sich während seiner Reise zum größten Teil von einem Käse ernährte, der »La vache qui rit« hieß – »Die Kuh, die lacht« –, und daß die entsprechende, richtiggehend niedliche rote Kuh, wohl ein Kälbchen, ihm beinahe täglich von den Käsepackungen entgegenlachte. So fand er sich erneut vor die dem Neuling in der Religion wenig förderliche Alternative gestellt, die Sache mit der Kuh entweder für einen grausigen Missgriff zu halten oder aber sein völliges Unverständnis und, jedenfalls in Anbetracht seiner bescheidenen Mittel, auch die schiere Unmöglichkeit einer baldigen besseren Einsicht zuzugestehen. Gleich wie es sich damit verhielt, eines ließ sich bereits zu diesem Zeitpunkt sicher sagen: Rein didaktisch betrachtet war der Koran, jedenfalls für den unvorbereiteten Gymnasiasten aus Deutschland und in dieser eigentlich sorgfältig und liebevoll gemachten Ausgabe, ein wenig geglücktes Werk.

Aus: Stefan Weidner, Mohammedanische Versuchungen, Ammann Verlag, Zürich, 2004

 

„Allah heißt Gott. Eine Reise durch den Islam“(Textauszug)

Der Koran erzählt keine aufeinander folgenden Ereignisse wie die Bibel. Auch eine Sure ist nicht eine Geschichte. Es kommen zwar immer wieder Geschichten darin vor, und oft sind die Suren nach einer dieser Geschichten benannt wie die Sure »Josef« nach der Geschichte von Josef und seinen Brüdern. Eine Sammlung von Erzählungen ist der Koran dennoch nicht.
Was ist er dann? Er ist etwas ganz Eigenes, Unvergleichliches, eben »der Koran«. Genau deswegen, weil er nicht so ist wie andere Bücher, ist es nicht so leicht, ihn zu beschreiben. Neben kleinen Geschichten, die meistens dazu dienen, den Gläubigen etwas zu verdeutlichen und ein positives oder abschreckendes Beispiel zu geben, enthält der Koran Vorschriften und sagt, welche Pflichten die Muslime haben. Oft werden die Menschen im Koran vor falschem Verhalten und Ungläubigkeit gewarnt, oft werden sie ermahnt, oder es werden schlimme Strafen angedroht, wenn sie Gott nicht gehorchen. Am ehesten kann man sich eine Sure daher wie eine Predigt in der Kirche vorstellen. Die Leute werden angeredet, ein Thema wird angeschlagen, eine Geschichte dazu erzählt, eine Moral daraus gezogen, ein entsprechendes Verhalten angemahnt und Konsequenzen angedroht, wenn sich die Menschen nicht entsprechend den Geboten Gottes verhalten. (...)
Verwirrenderweise sind die Suren also nicht in der Reihenfolge angeordnet, in der sie entstanden sind. Vielmehr sind sie nach der Länge angeordnet, und zwar so, dass die längsten Suren am Anfang und die kürzesten am Ende stehen. Wenn ihr den Koran lesen wollt, empfiehlt es sich, tatsächlich mit den hinteren, zuerst offenbarten Suren anzufangen. Die sind am schönsten, und die meisten von ihnen sind auch leichter zu verstehen als die langen ersten Suren. Außerdem sind die letzten Suren poetischer, während die ersten sachlicher sind, öfter Vorschriften an die Gläubigen enthalten und daher ein bisschen trockener und langweiliger zu lesen. Die langen Suren springen manchmal von einem Thema zum anderen, und man verliert leicht den Überblick. Seit früher Zeit werden die Suren übrigens in diejenigen unterteilt, die in Mekka, und die, die nach Mohammeds Auswanderung aus Mekka in Medina offenbart worden sind. Die medinensischen Suren (so heißen die aus der Zeit in Medina) enthalten mehr Vorschriften und Gesetze und sind meistens länger. Die mekkanischen Suren sind kürzer und poetischer.
Da der Koran kein Buch in unserem heutigen Sinne ist, braucht man ihn auch nicht so zu lesen. Der Koran ist außerdem gar nicht zum stillen Lesen gemacht, sondern für den Vortrag (die Rezitation, wie man auch sagt) und zum Hören. Es gibt eine ganze Wissenschaft des Koranvortrags und viele berühmte Rezitatoren, also sozusagen Koransänger. Denn ein Koranvortrag ist wie ein Gesang, aber ohne Melodie und ohne Instrumente. Im ersten Moment klingt es sehr eintönig und vielleicht sogar langweilig, aber wenn man ein wenig länger zuhört, nimmt es einen gefangen, man wird ein wenig hypnotisiert davon. Wenn es euch interessiert, könnt ihr euch eine CD mit solch einem Korangesang kaufen.
Die Sprache des Korans, besonders in den kürzeren Suren, ist sehr schön und poetisch. Sie enthält viele Reime und einen geheimnisvollen Rhythmus. In der Übersetzung geht das Meiste davon verloren. Wenn man den Koran nicht auf Arabisch hören oder lesen kann, fällt es daher schwer, die Faszination zu verstehen, die er auf die Muslime ausübt, besonders natürlich auf die arabischen Muslime, die ihn in ihrer Sprache lesen können.

Aus: Stefan Weidner, Allah heißt Gott. Eine Reise durch den Islam, Fischer Schatzinsel,Frankfurt, 2006

Foto links: © NRW KS / Weidner
Foto rechts: © birgith / pixelio.de
Foto Hintergrund: © birgith / pixelio.de
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