,,Verschiedene Zimmer, alle gleich“
(unveröffentlicht)
Den Winter haben wir dort verbracht. Und auch noch ein gutes Stück vom Frühling. Eigentlich waren wir in dem Hotel, bis Fabian gestorben ist. Danach... Danach war eine andere Zeit.
Vorher war die Zeit in dem Hotel und die war gut. Die war vielleicht die beste in meinem Leben. Irgendwie wussten wir, dass es uns besser ging als all diesen Geschäftsleuten, Vertretern, Familien, Touristen und Künstlern, die dort übernachteten. Die Zimmer sahen alle gleich aus, aber egal, in welchem wir gerade waren, es war das beste von allen, daran zweifelten wir nie. Beim ersten Mal kamen wir uns noch irgendwie komisch vor, aber schon beim zweiten Mal rannten wir fast vom Aufzug ins Zimmer.
Zu mir konnten wir nie, ich teilte mir ein Zimmer mit meinem Bruder. Zu Shane konnten wir auch nicht, der schlief im Wohnzimmer auf einer Ausziehcouch. Wenn wir bei Fabian waren, schaute seine Mutter alle halbe Stunde rein, mit Keksen und Orangensaft bewaffnet und interessierte sich für die Musik, die wir hörten, die Spiele, die wir spielten, und die Gespräche, die wir wahrscheinlich seltener führten, als sie glaubte.
Toms Eltern stritten sich regelmäßig, laut und heftig. Seine Mutter hatte eine Macke. Die hatte mal ihren Kleiderschrank angezündet und dabei fast das Haus abgefackelt. So erzählte es Tom. Ich war nur mal dabei, als sie mit einer Schere Löcher in den Deckel eines Marmeladenglases stach, das sie nicht aufbekam. Früher hatte ich immer Schiss vor Shanes großem Bruder, der Kickboxer war und böse guckte. Jetzt war ich älter und Shanes Bruder jagte mir keine Angst mehr ein, aber sobald ich mit Toms Mutter in einem Raum war, sah ich zu, dass ich möglichst nah an der Tür war.
Tom verstand sich gut mit seinem Vater und der wird schon gewusst haben, was wir so trieben in den Zimmern. Er wird es wohl ungefährlicher gefunden haben, als uns mit seiner Frau allein zu lassen. Toms Vater war Manager in dem Hotel und es kam selten vor, dass sie komplett ausgebucht waren.
Wir nahmen die Playstation und Papers mit und saßen dann auf dem Bett, rauchten und zockten. Mehr haben wir nicht gemacht. Doch das war ziemlich viel.
Vier Freunde in einem Zimmer auf zwei Einzelbetten oder einem Doppelbett, Rauch unter der Decke, Augen rot wie Granatäpfel, die sauberen Laken unter uns, unsere Gesichter und unser Gemüt rund vor Freude. Hättest du unsere Lippen aneinandergelegt, dann hätten sie einen großen Kreis ergeben. Unsere Mundwinkel gingen einfach hoch und wir konnten nichts dagegen tun.
Große Tetrapacks Orangensaft, Chips, manchmal Pizza aus Kartons, Weingummi und wenn einem nach Abwechslung zumute war, ging man einfach duschen. Manchmal holte ich mir einen runter, manchmal nicht.
Drei, vier, fünf Abende in der Woche waren wir in dem Hotel und nichts erinnerte uns daran, dass es draußen noch eine andere Welt gab. Klar, wir wussten, was so geredet wurde über die Verwahrlosung von Jugendlichen, über weiche Drogen und wo sie hinführten, über die Konsolenmanie und den Verfall von Kultur und Kommunikation.
Wir verstanden uns ohne Worte. Level 7, das war ein Nicken und ein Zeigefinger Richtung Bildschirm.
Klar, wir wussten, dass wir so nie eine Frau kennenlernen würden, wir wussten, dass wir zuwenig schliefen und am nächsten Tag immer einen Kiffkater hatten, als wäre dein Hirn die eingetrocknete Haut auf einem verklumpten Pudding. Klar, wir wussten, dass wir mehr für die Schule hätten tun sollen, jetzt, wo es dem Ende zuging.
Wir wussten auch, dass in den anderen Zimmern Menschen lagen, geplagt von Existenzängsten, deren Ausmaß wir damals nicht mal ahnen konnten, wir wussten, dass vor der Zimmertür Sorgen begannen, für jeden, und daran war nichts zu ändern, egal wie viele Bücher man las, wie viel Geld man verdiente, welche Kaffeemaschine man kaufte, wohin man in den Urlaub fuhr. Egal wie viel Sport man trieb und wie viel Geld man im Bioladen ließ.
Wir wussten damals, dass nicht nur Toms Mutter eine Vollmeise hatte, sondern fast alle da draußen. Wir brauchten uns doch nur unsere Eltern und die bekloppte Welt, die sie sich erschaffen hatten, anzusehen. Denen ging es doch auch nicht anders als uns. Ohne den Fernseher und das Feierabendbier hätten die doch einen Schreikrampf bekommen. Shanes Vater, der Doppelschichten schob, damit es seinen Kindern mal besser ging, und dann zertrümmerte sich sein Ältester bei einem Turnier das Knie und wurde für immer zum Krüppel. Fabians Vater, der freitags früher Schluss machte und noch auf zwei Stunden in den Puff ging, als Belohnung für die harte Woche. Und seine Mutter kaufte sich Dessous, als Belohnung fürs zu Hause Rumsitzen. Manchmal stahlen wir etwas aus ihrer Kommode und verscheuerten es dann. Sie hatte soviel, es fiel ihr gar nicht auf.
Mein Vater wurde jeden Abend ein anderer Mensch, wenn die Flasche halb leer war, und meine Mutter rechnete jeden Tag aufs Neue, wie die Raten am besten zu zahlen seien.
Alle rannten von hier nach da, rissen sich ein Bein aus, oder auch zwei, als gäbe es etwas, dem hinterherzurennen sich lohnte. Und wenn wir rausgingen, stolperten wir über all diese nutzlos ausgerissenen Beine und freuten uns, dass wir unsere noch hatten.
Wir zockten einfach oft genug in einem warmen Zimmer und die Welt hörte vor der Tür auf. Wären wir zum falschen Zeitpunkt rausgegangen, wir wären in ein namenloses Dunkel gestolpert, das uns sang- und klanglos verschluckt hätte. Drinnen waren wir sicher und schliefen ab spätestens zwei einen leichten Schlaf. Zu viert in einem Doppelbett oder jeweils zwei in einem. Wir haben nie Witze über schwul sein oder Fürze gemacht, so waren wir nicht.
Manchmal frage ich mich, wie lange wir durchgehalten hätten. Ziemlich lange, glaube ich. Der Winter ging, der Frühling kam, man hätte auch draußen etwas machen können, wir sprachen davon, aber wir sprachen immer in einem der Zimmer.
Und dann passierte das mit Fabian. Das war nicht so wie damals bei Holger. Es gab keine Besuche im Krankenhaus und so etwas.
Wir waren bei Oles Wohnungseinweihungsparty, wären wir im Hotel gewesen, wäre das nie passiert.
Das Haus, in das Ole einzog, war kein Altbau, es standen nicht so viele Leute auf dem Balkon, sieben, um genau zu sein. Und es war auch nicht hoch, zweiter Stock. Die anderen habens überlebt. Alle. Nur Fabian war direkt tot, als sie mitsamt dem Balkon auf dem Hof landeten.
Danach war eine andere Zeit. Wir gingen nicht mehr ins Hotel.
Das ist jetzt alles über fünfzehn Jahre her und heute frage ich mich schon mal, wo meine Beine sind. Und jedes Mal, wenn ich wieder in so einem verschissenen Hotelzimmer sitze, muss ich daran denken, wie es damals war.
- Über uns
- Projekte
- Aktuell
- Werkproben
- mobiLES
- Transfer France-NRW
- Das 3. Ohr
- Schule & Kultur
- popUP NRW
- museums plattform nrw
- Seniorentheater-Plattform NRW
- Kindertheater des Monats
- Kinderkonzerte
- Theater Festival Impulse
- Fonds Neues Musiktheater
- Fonds Experimentelles Musiktheater
- Ensemblia
- Auftrittsnetzwerk Favoriten/Theaterzwang
- Next Level Conference
- Tanzrecherche NRW
- 2-3 Straßen
- Presse
- Presseinformationen
- 04.03.2010 // Transfer France-NRW
- 03.03.2010 // Transfer France-NRW
- 11.02.2010 // Transfer France-NRW
- 09.02.2010 // Tanzrecherche NRW
- 20.01.2010 // Seniorentheater-Plattform NRW
- 19.01.2010 // popUP NRW
- 18.01.2010 // Tanzrecherche NRW
- 06.12.2009 // Theater Festival Impulse
- 02.12.2009 // Theater Festival Impulse
- Pressematerial
- Presseinformationen
- Service/Formulare
- Texte

