totentanz
furcht vor dem dunkeln ist es nicht allein
man kennt sich kaum u. will auch nicht viel
mehr, der lange heiße sommer ist vorüber u.
stau war nur bei köln, doch auf der gegenspur.
im dunst, im flachlandniesel liegt die scheune.
daß ich musik auflege, kommt so oft nicht vor;
man kennt sich gut u. wird sich immer fremder
bloß bleibt im kopf die alte partitur .. ist alles
nichts für sanftere gemüter, der krach, die posen
u. das viele bier, doch einmal fand ich darin viele
zarte wunder, u. wenn die wiederkämen, gäb ich
was dafür. furcht vor dem dunkeln dringt aus allen
boxen, die lichtorgel alleine macht nichts her; es
fehlt die discokugel, fehlt das trockeneis. nur jedes
fünfte lied sieht man noch beine zucken, doch in
den augen blitzt es gar nicht mehr .. wenn nur der
nebel in die scheune käme u. hüllt die tanzenden
gestalten ein: im dunst, im flachlandniesel huschen
bilder; so wild kann aber nur der tanz der toten sein.
nachtlied
die nacht ist wieder da, ich stehe lauschend
über mein kind gebeugt an seinem bett, um
einen atemzug mit mir hinauszunehmen, aber
alles still; die nase scheint ganz frei zu sein
kein rasseln geht, u. ist es auch nicht völlig
finster hier im zimmer, so kann ich doch das
heben oder senken der bettdecke nicht ohne
zweifel sehen. in mir ist alles ungewiß wie je
ein zwielicht, das durch die lamellen dringt.
ein bellen nebenan, ein krankenwagen sind
zeichen, daß die welt besteht. ich muß es
glauben, es ist leicht, morgen früh, wenn gott
will, hören wir wieder die ringeltaube. ihr ruf
erinnert mich .. es ist august, mein liebling,
alles still. ich weiß nur sicher, daß die dielen
knarren, so vorsichtig ich mich bewegen mag.
es ist passiert; ein kurzes schlafeszucken mit
dem fuß rührte die spieluhr an, sie singt; oder
war es meine hand, die um die decke streicht.
ein kurzes wimmern nur, damit ich gehen kann.
ferngespräch
an diesem tag war es still in berlin du warst für
stunden aus dem haus gegangen ich fühlte
mich etwas neben der spur u. hatte erhöhte
temperatur u. eine weile die beine hochliegen
ich hielt den hörer u. wurde verbunden u. hörte
im kurzen stocken der zeit die glocken läuten
im fernen westen hell u. klar wie von nebenan.
ich sackte leise in mich zusammen u. dachte
ich rieche wieder den rhein u. höre das wasser
rings um mich schwappen u. möchte noch
nicht geboren sein u. was von der anderen
seite kam klang wie geschluckte radiostimmen
hinter der großen dunklen membran .. ich hielt
den hörer u. ließ mir nichts merken u. hörte
wie du mit dem schlüssel kamst u. schluckte
noch etwas u. möchte nicht sterben dann war
die wallung wieder vorbei es war ein feiertag
anfang oktober u. das gespräch gebührenfrei.
Alle Gedichte aus: Norbert Hummelt, Totentanz, Gedichte, Sammlung Luchterhand, Luchterhand Literaturverlag, München, 2007
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