Josette ging an der Kirche vorbei, blickte aus Gewohnheit zum Turm hoch, dann auf die Kuh, die vorm Eingang stand. Sie wollte das alles in Erinnerung behalten. Jeden Tag versuchte sie, sich eine Sache einzuprägen, schaute genauer hin, auf die Häuser, die Gesichter, die Schweine, die vielleicht auch anders aussahen in Brasilien, auf die Vogtei unten, ein Stück weit hinter den drei Buchen, den Friedhof mit den Schiefersteinkreuzen, auf dem der Pfarrer sein Vieh weiden lies. Erst seitdem sie ihre Aufmerksamkeit so geschärft hatte, nicht mehr blind durch die Gegend lief, waren ihr Dinge ins Auge gesprungen, von denen sie nicht gewusst hatte, dass sie im Dorf zu finden waren. Die gekreuzten Pestpfeile über der väterlichen Eingangstür hatte sie früher schon bemerkt, und die Mutter hatte ihr erklärt, dass sie den Schwarzen Tod abwehrten, ihn aus dem Haus hielten, aber das kantige Steingesicht über Derdings Tür war ihr vorher noch nie aufgefallen. Auch nicht, dass die alte Maria Seyler zu große Hände hatte, mit denen sie ihren Mann verprügelte. Oder wie abends der Schein des Herdfeuers aus einigen Küchen, die Fenster hatten, auf die Straße fiel, die Schatten der Dinge zum Tanzen brachte.
Josette wich einer Pfütze aus, lief den Weg hoch.
Der Nieselregen hatte aufgehört. Der Nebel hing verhakt zwischen den Strohlagen der Dächer, riss um die Hausmauern herum auf, verband sich einige Ställe weiter wieder zu schlecht gewebtem Tuch. Vor den Höfen standen Karren und Ackergeräte. Ein strenger Geruch ging von den Mistgruben aus, die überall bis an die Hausmauern reichten. Hühner liefen über die Straße oder hockten auf den Holzstapeln, ihre steifen Hälse aufgeregt in die Dämmerung gereckt. Schließlich kam sie an die Stelle, wo ihre Großmutter eines Tages verschwunden war. Josette bekreuzigte sich vor dem halb verfallenen Haus, in dem nur Katzen lebten. Sie war damals noch nicht auf der Welt gewesen und wusste auch heute noch nicht, ob was dran war an der Geschichte; ihr Vater schüttelte nur den Kopf, wenn sie fragte, aber im Dorf erzählte man sich, dass hier ein Mann allein mit seinen Kindern gelebt hatte. Ihm war die Frau gestorben, und er kochte selbst für seinen Nachwuchs, obwohl die Franzosen ihm nicht viel übrig ließen. Das war in der Zeit vor Napoleon, in der Zeit, als die Alten noch jung gewesen waren. An dem Tag, als einige Männer das Dorf mit Sensen, Knüppeln und Heugabeln verließen, um sich in Hösingen anderen Bauern anzuschließen und gegen die französischen Soldaten zu kämpfen, hatte der Mann gerade Fett in der Pfanne. Er griff neben sich nach dem mageren Stück Fleisch und sah, wie eine Katze es ihm vom Holzteller stehlen wollte. Der Mann wurde wütend, nahm die Pfanne und goss dem Tier das glühende Fett über den Kopf. Heulend, berichteten die Nachbarn, lief die Katze davon, und der Mann gab neues Fett in seine Pfanne. Alles wäre schnell vergessen gewesen, aber am anderen Tag lag Anne Weber aus Buschrodt, Josettes Großmutter, mit schlimmen Verbrennungen im Gesicht im Bett. Auch auf Drängen ihres Mannes hin konnte sie nicht erklären, woher sie diese Verletzungen hatte. Da schleiften die hiergebliebenen Bauern sie aus dem Haus und zerrten sie zum Witwer, ob er sie wiedererkenne. Einige schrien: »Hexe« und »Der Teufel hat sie geholt«. Danach war Anne Weber verschwunden. Keiner wusste, ob sie direkt in die Hölle gefahren war oder sich wieder in eine Katze verwandelt hatte. Auch Josettes Großvater hat sich all die Jahre über den Verbleib seiner Frau ausgeschwiegen, obwohl er nie an Hexen geglaubt hat. Der Mann aus dem Haus und seine Kinder zogen bald fort. Seitdem wohnte außer streunenden Katzen niemand mehr zwischen diesen Mauern. Doch abends kam von dort ein schwefeliger Geruch, auch jetzt konnte Josette ihn riechen. Sie bekreuzigte sich noch einmal und legte die letzten Meter zum Haus ihrer Eltern laufend zurück.
»Du bist spät dran«, begrüßte ihre Mutter sie. Sie saß vor dem offenen Herdfeuer auf einem Schemel, schaute in das Kartoffelwasser. Die Flammen warfen ein unruhiges Licht auf ihr Vortuch, das auch am Abend immer peinlich sauber war, obwohl sie genau wie Josette den ganzen Tag im Stall oder auf dem Feld arbeitete.
Aus der angrenzenden Stube drang die Stimme ihres Mannes.
»Hat Vater Besuch?«, fragte Josette.
»Metty Schengen ist da«, antwortete ihre Mutter.
Josette setzte sich an den Tisch, wickelte das Brot aus dem Tuch und schnitt sich eine Scheibe ab, während sie fragte: »Was will er?«
»Was weiß ich«, antwortete die Mutter, »was wird er schon wollen«.
Josette biss in die Brotscheibe. Seit klar war, dass die Familie nach Brasilien aufbrechen würde, hatte sie Angst, ihr Vater könnte sie vorher noch jemandem zur Frau geben. Sie mochte das Dorf, aber sie wollte nicht hierbleiben, wenn alle wegfuhren.
»Hör auf zu träumen und deck den Tisch«, sagte Liliane, stocherte vorsichtig mit einem Eisenhaken in der Glut.
...
»Ich weiß nun, wie lang dein Haar ist«, sagte Nicolas leise, schaute dabei geradeaus, als rede er über die Wälder, die vorne zu beiden Seiten des Weges auftauchten. Sofort war die Hitze wieder da. ...»Ich habe nicht absichtlich hingeschaut, aber gestern Abend fiel es auf deine Schultern wie ein Teil der Nacht, nur heller und braun, glänzend.« Nicolas lächelte. Vor Josettes Augen begannen die Baumkronen zu verschwimmen, verliefen ineinander, als mische jemand die einzelnen Töpfe einer grünen Farbpalette. Das Rad neben ihr ächzte. Weiter hinten schrie ein kleines Kind. »Ohne Haube siehst du noch schöner aus«, fuhr Nicolas fort, wartete einen Moment lang, ob Josette etwas erwidern würde, aber sie schwieg, wedelte mit der Hand über ihr Vortuch, das viele dunkle Flecken aufwies. Sollte sie Nicolas ermahnen, er solle warten, bis sie in Brasilien seien und ihr nicht nachstellen? Ja, das sollte sie wohl. Aber sie sagte kein Wort zu ihm, hob nur kurz ihre dunklen Augen und lächelte ihn an. Nicolas wurde daraufhin sehr gesprächig, flüsterte, ihr Blick sei wie Musik; er löse ein Rauschen in seinen Ohren aus, das so schön sei wie ein Oratorium von Händel. Josette wusste weder, was ein Oratorium noch wer Händel war, aber sie ahnte, dass der Vergleich ihr zur Ehre gereichte. Und so wich sie nicht zurück, als Nicolas naher an sie herantrat, eng an ihrer Seite voranschritt. Ihre Arme schlenkerten aneinander vorbei, die Finger berührten sich von Zeit zu Zeit wie zufällig, und Josette hatte das Gefühl, dass der Meergeruch in ihrer Nase von ihm stammte, von Nicolas, von seinem Haar, das jeden Morgen glänzte wie Seewasser, auf das die Sonne fiel. Sie merkte nicht mehr, dass sie ging. Eine Kraft lies sie vorwärts eilen, ohne dass sie sich anstrengen musste.
Nicolas aber redete weiter, fast so viel wie sein Großvater, der aus Mangel an Zuhörern Selbstgespräche hinterm Karren führte. Vieles von dem, was Nicolas ihr erzählte, verstand Josette nur halb. Seine Sätze führten Namen und Ausdrücke mit sich, die niemand in Wahl je benutzt hatte, jeder einzelne öffnete eine Weite, als schaue sie bereits über die Ebenen Brasiliens. Dachte sie an ihr Dorf zurück, tauchten nur noch die Dinge auf, die sie sich zuletzt eingeprägt hatte, wie das kantige Steingesicht über Derdings Tür oder ihr eigenes, das ihr am Tag der Abreise aus dem Spiegel entgegengesehen hatte. Ansonsten schien ihr Gedächtnis sich langsam zu leeren, sich frei zu machen für die Zukunft, für jene Bilder, die sie erst sehen würde, morgen oder in einigen Jahren.
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