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Falsche Himmel

SONNTAG, 10. AUGUST, UHRZEIT: 21.40, TEMPERATUR: 37°, OZONWERT: 360,
ZUSTAND DES HIMMELS: KLAR.

"Falsche Himmel" (Textauszug)

SONNTAG, 10. AUGUST, UHRZEIT: 21.40, TEMPERATUR: 37°, OZONWERT: 360,
ZUSTAND DES HIMMELS: KLAR.
Nun ist also Nacht. Vor mir liegt das letzte Heft, es ist blau, tiefblau. Dass die Nacht noch immer aus den Dingen kommt, wundert mich, wie Nebel steigt sie empor. Man könnte ja meinen,
es sei umgedreht, dass sie sich herabsenkt, aber so ist es nicht. Wenn man genau hinsieht, merkt man es: Zuerst wird die Erde schwarz und dann der Himmel. Das Licht der Nacht ist rätselhaft, metallen, und so dicht es uns auch einhüllt, es bleibt doch immer sehr weit weg.

Es hat sich nicht viel verändert hier, die Temperatur ist unvermindert hoch. Ich habe die Fenster geöffnet, manchmal weht etwas wie Luft herein. Mein Kopf schmerzt. Seltsamerweise ist das etwas völlig anderes als: Ich habe Kopfschmerzen. Es fühlt sich anders an, wie abgetrennt, als gehöre das, was wehtut, gar nicht mir. Ich nehme an, es ist der Druck. Die Grenzwerte sind seit Monaten überschritten, sie erweisen sich als grenzenlos, steigen beinah von Tag zu Tag. Das ist absurd, Werte ohne Grenzen haben keinen Sinn und umgedreht: Grenzen ohne Werte auch nicht. Aber was schreibe ich da, in diesem Experiment kommt es doch nur noch aufs Beobachten an. Niemand legt mehr etwas fest, alles ist offen. Man könnte es für Freiheit halten, aber Freiheit ist etwas anderes.
Neben mir steht ein Glas Wasser, gelegentlich nehme ich einen Schluck, die Lampe ist an – es ist nicht so, dass es noch viele Insekten gibt, wahrscheinlich hat auch das etwas mit dem Druck zu tun, dass sie kaum noch da sind.
Allerdings wimmelt es von Menschen. Es wird immer voller. Es findet eine ungeheureBewegung statt, an der ich nicht teilnehme, die ich aber sehe. Von oben herab.
Das Kind schläft. Ich habe es mit einem Laken zugedeckt. Es liegt im Zimmer nebenan.
Eben kam wieder ein Fassadenkletterer vorbei, es ist absurd, dass sie das immer noch tun. Erschrecken können sie uns damit aber schon lange nicht mehr, Reba sowieso nicht, sie hat keine Angst mehr, vor nichts.Nur ich zucke manchmal noch zusammen. Allerdings, gelegentlich winke ich sogar, verbissen hangeln sie sich dann weiter hoch, sie sind entsetzlich humorlos.
Ich sortiere immer noch die Akten. Ich habe noch immer sieben große Kisten davon. Wenn ich nicht mit Reba zusammen bin – und meistens ist es so –, sortiere ich oder schreibe.
Ich werde Ordnung hinterlassen.
Ein weibliches Relikt.

Ich hefte die Seiten einzeln ab, streiche jeden Zettel glatt, was ich vorsichtig machen muss, zum Teil sind sie sehr alt. Sie finden ihren Platz, ich sortiere sie jetzt in mein Leben ein. Ich habe mich lange gewehrt.
Manchmal laufe ich auch. Immer um das Hochhaus herum. Hat mir eine Freundin gesagt: Lauf, du musst laufen, das hilft. Immer laufen. Eine Zeit lang – früher – gingen sie mit Skistöcken durch den Wald, das sah komisch aus, Langlauf im Sommer ohne Schnee. Und wie entschlossen sie das plötzlich alle taten. Sie waren so ernst wie die Kletterer, rückblickend glaube ich sogar, sie waren die Schlimmsten.
Oder ich nehme die Treppen, ich schaffe sie inzwischen siebenmal, und wenn ich auch die Arme trainieren will, dann stemme ich die ein oder andere Feuertür zwischendrin auf, dröhnend fallen sie wieder ins Schloss.
Das mache ich aber nur, wenn Reba schläft, sie soll mich nicht so unruhig sehen. Denn obwohl ich weiß, dass es überflüssig ist, glaube ich doch, ich muss sie stärken, zumindest beruhigen
oder Vorbild sein?

Draußen zischt wieder ein Körper vorbei, das Seil sirrt. Das ist ihr Wetter. Immer, wenn der Himmel klar ist, springen sie. Ich weiß wirklich nicht, warum sie das noch tun. Sie sind besessen.
Erst bohren sie Löcher in die Hauswand, schrauben die Haken fest, werfen ihre Seile aus, ankern, klettern, steigen, und wenn sie oben sind, dann rüsten sie um, legen sich die Beingamaschen
an, klinken die Halterungen ein, gehen auf die Rampe und springen wieder hinab. Je näher sie dabei dem Boden kommen, desto besser sind sie. Kaum sind sie unten, fangen sie wieder von vorne an, steigen auf, fallen, steigen auf, fallen – früher habe ich gern den Vögeln zugesehen, den Lerchen auf dem Feld. Aber es waren Vögel.
Es muss eine Sucht sein, je mühevoller der Aufstieg, desto süßer werden die Sekunden der Befreiung sein. Ein Rausch, wahrscheinlich ist es ein Rausch. Zweien hat es schon den Rücken zerquetscht. Sie lagen auf dem Boden wie Gallert. Ich habe sie genau betrachtet. Hinsehen tut gut. Es ist das Einzige, das hilft.
Der Mensch ist schwer.
Reba geht wie ein Engel durch die Welt. Nichts rührt sie. Keiner tut ihr was. Sie schlägt von selbst die Richtung ein, immer weiß sie genau, wohin, und doch sieht es aus, als liefe nur ein Schatten ruhig über den Boden her.
Ich schau ihr jeden Morgen nach. Es dauert lange, bis sie ins Bild kommt, und schnell verschwindet sie. Sie winkt nicht.
Es ist nicht so, als hätte ihr noch keiner ein Leid getan. Aber jetzt nicht mehr.
Wieder springt einer. Der Dritte heute. Warum sie sich genau dieses Haus ausgewählt haben, weiß ich auch nicht. Es ist schon lange so, sie haben sogar Meisterschaften ausgerichtet. Es liegt wahrscheinlich am Dach, weil es so groß ist, früher war darauf sogar ein Hubschrauberlandeplatz. Oder an den Wänden. Eine Art Plattenbau, sie können sich zum Klettern im Beton verkeilen. Auf dem Dach hat ein Fernsehsender ihre Sprünge in den Abgrund gedreht. Zwölf Wochen lang, es wurde uninteressant, weil genau in diesem Zeitraum nichts passierte. Es heißt, sie ließen das gesamte Equipment zurück, »das Format war gestorben«, aber ich weiß nicht, ob das stimmt, ich war noch nicht oben. Mit Hochhäusern ist es wie mit dem Leben: Weiter oben guckt man nicht nach, von »oben« hat man immer nur Vorstellungen.

Ich werde die Fenster schließen. Die Scheiben sind aus Sicherheitsglas – hier regierte einmal irgendein Chef –, bruchsicher und verspiegelt nach außen.

Seltsam ist es, in der Stille auf die Stadt zu sehen. Überall bewegt sich was. In meinen Ohren rauscht es. Ohne Zutritt halte ich es einfach nicht aus. Irgendetwas muss offen sein. Dort unten läuft der Interviewer, ich kann ihn von hier oben aus erkennen: Mikro, Schlaufe, Band. Er trägt ein uraltes Gerät mit sich, diese Dinger sind schwer, damit habe ich auch mal angefangen. Um ihn herum ist ein Ring. Ein Abstandsring. In ihm durchzieht er die Menge, von oben sieht das aus wie ein Pantoffeltier, das sich wabernd fortbewegt. Oder wie das Auge eines Hurrikans? Vergleiche sind schlecht, er weiß das, deshalb stellt er Fragen, es sind immer dieselben:
Wie hat es angefangen?
Wie ist es zur Tat gekommen?
Wann ist es zur Verurteilung gekommen?
Wenn Sie an früher denken, was fällt Ihnen da ein?
Keiner antwortet mehr, man weiß auch nicht, warum, und schon gar nicht, was. Was er wohl auf seinem Band hat?
Dass sie ihre Löcher weiter in die Hauswand bohren, obwohl sie doch bereits gespickt von Halterungen ist, gehört zu den weniger guten Dingen.
Ich werde also laufen.
Ich werde nicht noch einmal nach Reba sehen. Weil ich will, dass sie schläft, weil ich laufen will, wegen dieses Lärms. Und womöglich schläft sie gar nicht. Es ist nämlich wieder Licht bei ihr. Weißes, weißes Licht bei ihr.

Aus: Liane Dirks, Falsche Himmel, Roman, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2006

Foto links: © NRW KS / Dirks
Foto rechts: © birgith / pixelio.de
Foto Hintergrund: © birgith / pixelio.de
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