13. April Es war zwei Uhr morgens, als Anja mit dem Aufzug in den vierundzwanzigsten Stock fuhr und dort ihre Wohnungstür aufsperrte. Im Dunkeln trat sie auf den schmalen Wohnzimmerbalkon, sah hinaus auf die vom Regen verwischten Lichter der Stadt, zog die bleischwere Jacke aus und schälte die Stiefel von ihren Füßen. Durch die Strümpfe hindurch hatte das Leder ihre Füße schwarz gefärbt. Durchfroren stieg sie unter die warme Brause. Immer wieder rutschte sie gegen die Wand der Duschkabine, so müde waren ihre Beine. Während das warme Wasser ihren Körper noch schläfriger machte, spulte ihr aufgedrehtes Hirn die Ereignisse der Nacht ab.
Die Befragung war mager ausgefallen. Die Türsteher der Diskothek waren sehr sicher, das Mädchen nicht gesehen zu haben. An so eine auffällig Gekleidete hätten sie sich erinnert, so ein junges Gemüse hätten sie auch nicht hineingelassen. Auch Daniel hatte nichts über das Mädchen erfahren. Es gab keine, die an diesem Abend mit Schottenrock und Stiefeln in den Verrichtungsboxen gearbeitet hatte. Wenn das Mädchen also weder tanzen war noch zu den Prostituierten zählte, was hatte sie dann in der Gegend zu suchen gehabt?
Trocken gerubbelt schlurfte Anja ins Schlafzimmer. Als sie den Wecker auf sechs Uhr stellte, blieb ihr Blick an dem Foto von Moritz hängen. Braun gebrannt strahlte er sie vor einem blauen Himmel und einem noch blaueren Meer an. Mauritius. Long, long ago.
Auch was die Identität des Mädchens anging, waren sie nicht weitergekommen. Über den Polizeicomputer hatten sie alle aktuellen Vermisstenmeldungen gecheckt. Während Daniel den Tagesbericht schrieb, war sie die weiter zurückliegenden Vermisstenmeldungen durchgegangen, zu denen Fotos von den Verschwundenen im Rechner standen. Das Mädchen mit dem Nasenring hatte sie nicht unter ihnen gefunden. Sie brauchten also dringend ein Foto der Toten.
Während sie sich in ihr Plumeau rollte, gab Anjas Kopf immer noch keine Ruhe. In Gedanken ging sie die nächsten Arbeitsschritte durch. Die Mitarbeiterinnen des SKM kontaktieren, die die jungen Prostituierten betreuten, die Notschlafstelle anrufen, mit den Streetworkern am Hauptbahnhof reden, Presse und Internet mit einem Foto des Mädchens versorgen. Es würde ein langer Arbeitstag werden. Die ersten achtundvierzig Stunden waren für die Aufklärung eines Verbrechens entscheidend. Deshalb brauchte sie jetzt wenigstens ein paar Stunden Schlaf.
Sie schloss die Augen und hörte den Schuss, der auf das Mädchen abgefeuert worden war. Wer schoss auf ein junges Mädchen? Anja zwang sich, an Meereswellen zu denken, an graue Nordsee- oder gischtige Atlantikwellen, die sich an felsigen Steilküsten brachen, oder an die sanften Wellen vor Mauritius. Manchmal funktionierte das. Doch heute schoben sich immer wieder die verklebten schwarzen Haare, die aufgerissene Haut, die toten Augen, die kindlichen Ohren dazwischen. Das Letzte, was sie sah, bevor sie in einen unruhigen Schlaf sank, waren die Stiefel. Schwarzes, billiges Leder mit einem roten und einem grünen Schnürbändel. So ähnliche Stiefel hatte sie selbst besessen, als sie in etwa so alt wie das tote Mädchen gewesen war.
Es gibt Tage, an denen die Zeit ereignislos zerrinnt, Tage, an die man sich niemals erinnern wird, Tage, bei denen man sich fragt, wofür sie nutzen im Leben. Für Kitty war dies so ein Tag. Schule langweilig, Spaghetti und Tomatensoße wie immer, Hausaufgaben überschaubar, eigene Stimmung mittelmäßig, Anna friedlich. Die saß seit dem Mittagessen stumm an ihrem Schreibtisch und dachte sich Aufgaben zu Akkusativ und Dativ aus, um damit ihre Schüler zu quälen.
Kitty hatte ihre Hausaufgaben fast erledigt, musste nur noch für Gesellschaftslehre etwas in der Tageszeitung nachsehen. Sie fuhr den Rechner hoch und loggte sich bei der entsprechenden Internetseite ein. Dabei stolperte sie über ein Foto des Mädchens mit dem Nasenring.
»Mama«, rief sie. »Mama, komm mal!«
»Wer kennt dieses Mädchen?«, las Anna unter dem Foto, das Kitty ihr zeigte. »Sachdienliche Hinweise bitte an …« Anna schüttelte den Kopf. »Wie furchtbar«, seufzte sie.
»Ich habe sie gestern in der Bahn gesehen«, erzählte Kitty. »Sie hat nach Hundescheiße gestunken.«
»Wirklich? Du musst diese Nummer anrufen!« Anna tippte auf den Bildschirm. »Es kann wichtig sein, dass du sie gesehen hast.« »Jetzt übertreib mal nicht! Ich kenn die doch gar nicht! Das waren keine fünf Minuten, dann war sie wieder aus der Bahn raus.« Kitty bedauerte bereits, dass sie ihre Mutter gerufen hatte. Sie hatte keine Lust, mit der Polizei zu reden.
»Stell dir vor, es ist deine Freundin, stell dir vor, es hilft der Polizei festzustellen, wer das Mädchen war«, fuhr Anna fort und ließ andere Stell-dir-vor-Situationen folgen. »Wenn du nicht anrufst, dann mach ich es«, endete sie und holte das Telefon.
Genervt tippte Kitty die Nummer ein. Sie wurde mit einer Frau verbunden. Schnell wollte sie von der Begegnung mit dem Mädchen erzählen, aber die Frau unterbrach sie:
»Ich würde gerne persönlich mit dir reden«, sagte sie. »Wo wohnst du? Ich komme bei dir vorbei.«
»Besser nicht«, meinte Kitty mit einem Blick auf ihre Mutter. Als Treffpunkt schlug sie das Starbucks am Heinzelmännchen-Brunnen vor. In zwanzig Minuten könnte sie dort sein.
»Gut. Ich warte vor dem Eingang auf dich.«
Die Polizistin hieß Anja Kraft und war kaum größer als Kitty. Ihr Alter konnte Kitty schwer schätzen, aber sie war deutlich jünger als ihre Mutter. Sie trug Jeans und eine langweilige Jacke.
»Was für einen Kaffee willst du?«
Kitty bestellte einen Iced Café Mokka.
»Such uns einen Tisch aus, während ich anstehe«, schlug Anja Kraft vor.
Ihr Lieblingstisch am Fenster in der ersten Etage war frei. Hier saß Kitty gerne mit Karla und schaute dem Treiben auf der Straße zu, während sie über Liebe, Jungen und das Leben quatschten. Die Polizistin brachte zu dem Kaffee zwei Schokoladenmuffins und ein Sandwich mit, das sie sofort aus der Plastikhülle befreite.
»Hab heute noch nichts gegessen«, sagte sie entschuldigend und verschlang das Brot schnell. »In der Bahn hast du sie gesehen?«, fragte sie. »Wann und wo?«
»Wir haben keinerlei Papiere bei ihr gefunden«, erklärte die Polizistin, als Kitty mit ihrer Schilderung zu Ende war. »Weißt du, ob sie eine Tasche oder etwas Ähnliches bei sich hatte?«
»Einen Rucksack«, fiel Kitty ein. »Darin muss etwas Schweres gewesen sein. Sie hat mich damit am Bein gestoßen, als sie ausgestiegen ist.«
»Erinnerst du dich an die Farbe oder die Marke des Rucksacks?«, fragte Anja Kraft. »Und das Schwere? Was könnte das gewesen sein? Ein Stein? Ein Laptop? Eine Kamera?«
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