„König von Albanien"(Textauszug)
Aber die Antwort hatte mich gefunden. Über Nacht. So leise, so heimlich, dass ich sie zunächst nur als Unruhe empfand, als Vorfreude auf eine neue Aufgabe, als Befreiung von einer Last. Und bezeichnenderweise beherrschte mich dieses Gefühl am stärksten, als ich Professor Meyrings Koffer zu seinem Automobil trug, ihn verstaute und ihm eine gute Reise wünschte. Er war für ein paar Wochen an die Universität nach Wien berufen worden, um dort seiner Lehrtätigkeit nachzukommen, was er nur mit großem Widerwillen tat.
Meyring hatte mir den ganzen Vormittag lang die Aufgaben erklärt, die ich in seiner Abwesenheit zu erfüllen hatte, und ich hatte eifrig genickt und versprochen, allem nachzukommen, was ihm wichtig für seine Forschung erschien. Ich blickte ihm nach, als er in sein Automobil stieg und davonfuhr. Dann meldete ich mich ab und verbrachte den Tag in Salzburg, genauer in der Bibliothek der medizinisch-chirurgischen Lehranstalt, einem Überbleibsel der Salzburger Universität, die vor vielen Jahrzehnten nach München umgezogen war.
Schwester Philomena nahm es mit einem Kopfnicken zur Kenntnis, denn es spielte für sie keine Rolle, ob ich da war oder nicht. Sie war die wahre Herrscherin der Abteilung der Unruhigen Männer, hart und selbstbewusst, aber doch zu gewieft, um sich mit einem Arzt anzulegen.
Natürlich war die Bibliothek beileibe nicht so gut sortiert wie die in Wien, wo ich in Rekordzeit Medizin studiert hatte, wo ich Meyrings Adlatus wurde, sein bester Schüler, dessen Noten nicht seiner Genialität, sondern seines unbändigen Fleißes wegen herausragten, und die, wie ich vermutete, durch Meyring obendrein wohlwollend zensiert wurden. Er war überall – nur mich gab es nicht.
Erst jetzt wurde mir bewusst, wie einseitig mein Studium verlaufen war, wie sehr ich in vorauseilendem Gehorsam die Vielfalt meines Faches ignoriert hatte, nur um Meyring zu gefallen. Es war mir gleichsam Ansporn und Lebensinhalt, immer das Richtige zu tun, geringste seiner Zeichen zu deuten, bevor er sie artikulieren konnte, ja, es ging sogar so weit, dass ich seine Gesichtsausdrücke zu imitieren wusste, so dass wir uns auch ohne Worte verstanden.
Erwähnte beispielsweise ein Student die Bedeutung Pinels oder Esquirols, so schloss ich meine Lider ein wenig und mein Mund verzog sich kaum merklich zu einem süffisanten Lächeln, gleich so, als ob man Nachsicht mit einem Mann haben musste, der einfach nicht wusste, wovon er redete. Blickte Meyring in dieser Sekunde zu mir herüber, so sah er sich selbst in mir und belohnte mich mit einem wohlwollenden Lächeln. Einen Kommilitonen hingegen, der sich für Flechsig und Hitzig begeisterte, ermutigte ich mit offenem Blick und anhaltendem Nicken weiterzusprechen, genau wie es Meyring tat. Trafen sich jetzt unsere Blicke, so verrieten winzige Gesten der Zustimmung, dass es sich bei dem jungen Mann um ein hoffnungsvolles Talent auf dem Gebiet der Psychiatrie handelte.
Ich war sein bester Schüler, der beste, den er je hatte, und ich war vor allem ein selbstdressierter Zirkusaffe. Es ist nicht leicht, sich das einzugestehen, aber jetzt, da ich das nachholte, was ich während des Studiums hätte lernen sollen, wurde mir bewusst, dass meine Kenntnisse außerhalb der Neuroanatomie faktisch bei Null lagen.
Ich fand viele Werke, die mich interessierten, und lieh alle aus: mehr Bücher, als ich tragen konnte, so dass mir der Bibliothekar und sein Gehilfe mit Bänden bis unter das Kinn vollgepackt nach draußen folgten und mir halfen, alles in eine Kutsche zu legen, mit der ich zurück zur Anstalt fuhr. Dort ließ ich die Pfleger die Bücher in mein Zimmer tragen.
Am Abend bat ich Otto Witte in mein Zimmer im zweiten Stock. Zu seiner Freude hatte ich Schnaps bereitstehen, und so saßen wir uns im Dämmerlicht der herannahenden Nacht an einem Tisch gegenüber.
»Sie fragen sich sicher, warum ich Sie eingeladen habe?«
Otto trank genießerisch den Schnaps und stellte das leere Glas auf denTisch: »Nein.«
»Ich möchte, dass Sie mir erzählen, wer Sie sind.«
»Warum sollte ich das tun?«
»Weil es Sie hier rausbringen könnte.«
Otto lehnte sich zurück und taxierte mich. Diesmal hielt ich seinem Blick mühelos stand.
Er lächelte: »Ich würde alles tun, um hier rauszukommen.«
Ich nickte: »Ich weiß. Deswegen gibt es eine Bedingung!«
»Welche?«
»Die Wahrheit. Und nichts als die Wahrheit. Sie fügen nichts zu, lassen nichts weg.«
Otto zögerte keinen Moment: »Einverstanden.«
Ich reichte ihm die Hand: »Ihr Ehrenwort.«
Otto schüttelte sie: »Ich werde Sie nicht belügen.«
»Warum glauben Sie, dass Sie König von Albanien sind?«
Otto zögerte einen Moment, dann antwortete er: »Die Wahrheit ist: Ich bin nicht König von Albanien …«
Ich fühlte Enttäuschung und auch Erleichterung. Ein verwirrendes Gefühl, denn ich hatte erwartet, dass Otto auf seinem Status beharrte.
»Aber ich war es. Für fünf Tage.«
Aufmerksam suchte ich in seinem Gesicht nach Zeichen von Arglist, fand aber nichts außer aufmerksamen blauen Augen, die mich anzulächeln schienen. Ein paar Momente gab es nichts als Stille zwischen uns, dann beschloss ich, ihm zu glauben. Vorerst. Ich stand auf, holte eine Petroliumlampe aus einem Schrank und entzündete sie. Jetzt hatten wir Licht nach Ottos Geschmack.
Ich sagte: »Wir haben viel Zeit. Ich will alles hören. Die ganze Geschichte.
Und wehe, Sie lügen mich an.«
Otto schüttelte den Kopf: »Ich werde Sie nicht belügen.«
»Gut. Wie wird man König von Albanien?«
Otto lachte.
Und dann begann er, eine ganz und gar unglaubliche Geschichte zu erzählen.
Aus: Andreas Izquierdo, König von Albanien, Rotbuch Verlag, Berlin 2007
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