»Guck mal hier, wie meine Haut sich schält«, sagte Marina und zeigte mir ihre Hände. »Ich lös´ mich auf. Bald bin ich nicht mehr da.«
»Siehst du, Tante Sabine«, sagte ich, »jetzt löst sich Marinas Hand auf und dann der Rest, und meinst du wirklich, damit wär auch ihre Seele weg?«
Ich dachte, ich hätte ein überzeugendes Argument gefunden. Doch Tante Sabine nickte. Sie hat wirklich wenig Glauben.
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»Wenn Oma wirklich zu uns sprechen kann«, sinnierte Marina, »dann könnte sie uns doch ruhig mal ein paar Tips geben. Ich such zum Beispiel immer noch die antiken Duellpistolen, die Jaczek vor uns versteckt hat. Mein Bruder liebte ja das Verstecken wie mein Vater das Entdecken. Wenn man eine Schublade rauszieht, an die Unterseite des Schranks darüber geklebt, haben wir nach Jaczeks Tod die an ihn adressierten Briefe gefunden. Und diese polnische Buchstabentafel, die er von Oma und Opa geerbt hatte, mit der man Geister beschwören konnte, weißt du noch? Man legt die Finger auf so ein kleines Dreieck mit Füßchen, und es buchstabiert die Antwort, wie ein Glas bei spiritistischen Sitzungen. Erst letzte Woche hab ich die Tafel hinterm Kleiderschrank wiederentdeckt.«
»Was, wirklich!« sagte ich. »Solln wir denn mit der Tafel mal was machen, Marina?«
»Bitte laßt das«, bat Tante Sabine alarmiert. »Ich weiß noch, wie eure Großeltern immer an dieser Tafel gesessen haben, um die Lottozahlen rauszukriegen. Statt dessen hatten sie eines Abends die Geister von Verstorbenen dran: ›Erlöse uns, erlöse uns!‹ Sie haben die Tafel nie mehr angerührt.«
Wir schwiegen. Dann blickten wir schon wieder überheblich.
»Na und?« sagte Marina. »Dann erlösen wir sie eben.«
»Ja, genau. Man kann sie durch Gebete erlösen, glaube ich«, sagte ich.
»Na also. Kein Problem«, sagte Marina.
Tante Sabine sah bekümmert drein. Ihr kam unser Gerede vor wie unsere letzten Worte vor der Katastrophe.
»›Die Geister, die man ruft, wird man nicht wieder los‹«, zitierte sie. »Ich will euch nicht auch noch verlieren!«
»Ach Quatsch, Mama!« brauste Marina auf. Sie überlegte. »Ich hab mal das mit dem Glas einmal gemacht. Ich hatte meinen Bruder dran. Das Glas fuhr sehr schnell von Buchstabe zu Buchstabe: ›Ich werde immer bei dir sein.‹«
Tante Sabine stand auf. Sie hielt das nicht mehr aus. »Aber das ist doch schön, daß er das gesagt hat, Tante Sabine«, sagte ich eifrig.
»Ja, ich verstehe auch nicht, warum meine Mutter Angst hat«, sagte Marina. »Ich hatte meinen Bruder doch gern. Warum sollte ich mich vor ihm fürchten?«
»Und was ist, wenn er will, daß du zu ihm kommst?« sagte Tante Sabine aufgebracht.
Marina schüttelte den Kopf.
»Man kann auch durch ein Radio Kontakt aufnehmen«, schlug sie vor. »Jaczek hat sich zum Schluß damit beschäftigt.«
»Ja«, sagte Tante Sabine alarmiert. »Und wo ist er jetzt?«
»Das möchte ich ja eben wissen, Mutter!«, beharrte Marina. »Viele Leute reden mit den Toten, das ist schon fast normal, da brauchst du keine Angst zu haben. Frau Janetzki von nebenan hört ihren toten Sohn manchmal aus dem laufenden Wasserhahn reden!«
»Ich setz mich raus auf die Terrasse«, sagte Tante Sabine. »Ich brauche frische Luft.«
Sie zog ab. Moppel mit, erwartungsvoll, weil sein Freßnapf auf dem Weg nach draußen lag.
»Ich les da grad ein Buch drüber«, sagte ich zu Marina. »Die toten Seelen finden manchmal keine Ruhe, sie sind wie Kinder, die nicht schlafen können. Dann haben sie Durst und geistern durch ihr ehemaliges Haus und erschrecken ihre Nachkommen, indem sie um Getränke betteln. – Hast du das grad gehört? Was war das für ein Geräusch?«
»Ich glaube, meine Mutter ruft uns, sei mal still.«
»Marina«, hörten wir Tante Sabines matte Stimme von der Terrasse her, »ich hab Durst! Kannst du mir nicht eine Tasse Tee rausbringen?«
Ich kicherte. Marina nahm seufzend ein Tablett. »Sie darf doch nicht so viel trinken«, sagte sie. »Sonst kriegt sie wieder Krämpfe bei der Dialyse.« »Draußen nur Kännchen!« rief ich Marina lustig nach.
»›Draußen nur Kännchen‹ hat meine Chefin gesagt«, hörte ich Marina ausrichten. Sie kam grinsend zurück. »Meine Mutter läßt dir ausrichten, sie weiß nicht, wie man aus Kännchen trinkt.«
»Wann wolln wir drei uns wiedersehn?« rief Tante Sabine. »Wenn´s regnet, blitzt, wenn Stürme wehn?«
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Das wilde Meer zu sehen tat mir gut, es war so stark und lebendig, ohne persönlich zu werden.
In dieser Küstenstadt war ich noch nie gewesen, obwohl sie in meiner Nähe lag. Alte, dunkle Häuser standen um eine kleine, alte Kirche. Ich war hier prominent, doch ich war müd und feige, ich wollte mich vergraben wie ein Krebs. »Die sollen mich alle in Frieden lassen«, dachte ich, aber sie ließen mich doch alle in Frieden. Ich mußte etwas andres damit meinen.
In einem Café mit armen Leuten setzte sich ein alter Mann in gepflegter Reisekleidung an meinen Tisch. Er war aus Armenien gekommen.
Ich sah ihn überaus genau an, sein Bild ging tief in mich hinein. Wir saßen so unheimlich lang und unterhielten uns, viel länger, als ich mich je mit einem Menschen unterhalten habe.
Da begriff ich, daß er tot war. Er sagte, er fahre oft hinüber zu den Toten, ob ich mal mitkommen wolle. Ich hatte diesen Mann sehr gern und wußte, daß ich ihm vertrauen konnte.
Erst war es grau, dann immer dunkler dort. Dann weiß ich nicht mehr.
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