Der Sonne entgegen
Das Projekt entstand aus dem Wunsch sich mit den Mitteln des Musiktheaters mit Migration, Deterritorialisierung und Wanderung zu beschäftigen. Dabei sind wir schnell zu der Erkenntnis gelangt, dass es sich um ein hoch komplexes Themenfeld handelt, dieses sollte nicht bezwungen, eingestampft oder vereinfacht, sondern in seiner Vielschichtigkeit, Brüchigkeit und Brutalität erfahrbar gemacht werden. Das war die Herausforderung.
Zum Beispiel Grenzgebiete und die besondere Stimmung, die von ihnen ausgeht. Was ist das? Eine aufgeladene Mischung aus Stillstand, Leere, Spannung, Unruhe. Das sind die Charakteristika des vom Hoffen, Wollen, Sehnen aufgeladenen Niemandslandes. Das ist die Grenze, die gleichsam trennt, was sie vereint. Ein Ort, wie ein Magnet und doch will niemand im Transitland bleiben, alle wollen weiter. Hier dominiert der Kontrast zwischen den wandernden, wachsenden Menschenströmen und der individuellen kalten Einsamkeit des Einzelnen.
Die Komposition reagiert auf diese Spannungsverhältnisse, auf den ständigen Wechsel von Zuständen, vergleichbar dem Wechsel von Tag und Nacht, von Anspannung und Entspannung. Im Dunkel der Nacht öffnen sich die Zeitgrenzen, Stimmen aus der Vergangenheit, Geister der Geschichte melden sich zu Wort und auch die Grenzen der Realität wanken, wenn eine surreale Ebene etabliert wird, wenn die Stimmen der Wandernden sich mit den Geräuschen der Landschaften, die sie durchqueren, verbinden. Die so entstandene vielstimmige, sich überlappende, heterogene Geräuschkulisse ist mit den Prinzipien eines Escher-Gemäldes vergleichbar.
Der Text stellt sich dem über eine sprunghafte nicht-lineare (Blick)Dramaturgie, die gehetzt, flüchtig, aufbrausend zwischen den einzelnen in sich geschlossenen Perspektiven und Handlungsorten wechselt. Die dem Thema immanente Gewalt spiegelt sich in den Geschichten, genau wie in der Form ihrer Erzählung und Aneinanderreihung, in dem ewig zerrissenen, porösen, instabilen.
In diese Situation geworfen, agieren die 14 Performer, sie müssen agieren, müssen sich und die Situation ständig erkunden, entwerfen, behaupten. Das Konzept von Grenze, den Gedanken der Befestigung ersetzen sie durch die ständig neue Definition ihrer inneren Grenzen, ihres jeweiligen Status, der Maske, die für den Moment am meisten Schutz und Sicherheit verspricht. Denn sie wollen vor allem eines: ankommen. Im Arbeitsprozess hat sich herausgestellt, dass wir der Herausforderung nur über eine nicht kohärente Bühnensprache begegnen konnten. Die einzelnen Ebenen, wie Regie, Komposition, Text und Bühne, sollten dabei nicht synthetisch zu einem großen Ganzen zusammenwachsen, sondern sich aneinander reiben, teilweise gegeneinander arbei ten. Aus diesem Labyrinth stechen dann wiederum einzelne Inseln der Linearität hervor, Momente der Harmonie in einem flirrenden Sturm.
Uraufführung:
12. Mai 2007 | 20 Uhr | Musiktheater im Revier, Gelsenkirchen
weitere Vorstellungen:
19.05., 20 Uhr | 20.05., 18:30 Uhr
Komposition: Lucia Ronchetti
Text: Steffi Hensel
Regie: Michael v. zur Mühlen
Bühne/Kostüm: Anne Hölck
Musikalische Leitung: Daniel Gloger
Musikalische Einstudierung: Askan Geisler
Elektronik/Klangregie: Thomas Seelig
Mit: Ariane Arcoja, Sascha Borris, Barbara Ehwald, Lars Grünwoldt, Katja Guedes, Fabian Hemmelmann, Jeannine Hirzel, Florian Just, Andrea Köhler, Eloi Prat i Morgades, Ruth Rosenfeld, William Saetre, Sarah Maria Sun, Kyoung-Ran Won
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