Das Konzept von »2-3 Straßen«, eine Ausstellung in drei Straßen des Ruhrgebiets von Jochen Gerz, ging aus dem Auftrag des NRW KULTURsekretariats von 2006 hervor. Nachdem »2-3 Straßen« gemeinsam im Programm der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 verankert werden konnte, übernahm das Kultursekretariat als Träger des Projekts die Administration.
Nach dem »Platz des europäischen Versprechens« war »2-3 Straßen« die zweite Arbeit von Jochen Gerz für RUHR.2010. Gemeinsam mit der Kulturhauptstadt lud Gerz Menschen aus Deutschland, Europa und Übersee ein, für ein Jahr im Ruhrgebiet zu wohnen. Die Städte Dortmund, Duisburg und Mülheim an der Ruhr stellten sanierte Wohnungen in ganz und gar normalen Straßen im Ruhrgebiet mietfrei zur Verfügung. Für dieses Grundgehalt engagierten sich die neuen Mieterinnen und Mieter als Kreative am Leben in ihrer Straße und – schrieben täglich.
»2-3 Straßen« ging einer einfachen Frage nach: Was passiert, wenn Kreative dorthin kommen, wo nichts los ist und ein Jahr lang bleiben? Ziel der Ausstellung war die Veränderung der Straßen und die Veröffentlichung eines Buches, das innerhalb eines Jahres von zahlreichen Autoren, den alten und neuen Mietern, aber auch den Besuchern der Straßen, geschrieben wurde. Entstanden ist zum Ende des Projektes hin ein umfangreiches Buch von Kreativen aus allen Schichten und Bereichen der Gesellschaft, das eine Vielzahl überraschender Ideen, Beobachtungen, Gedanken und Geschichten enthält.
Insgesamt 1.457 Menschen aus 30 Ländern meldeten sich, um an »2-3 Straßen« teilzunehmen. Für 78 Teilnehmer konnte in den drei Städten Wohnraum gefunden werden. Der Großteil der neuen Mieterinnen und Mieter war zwischen 30 und 40 Jahren alt, ebenso gab es aber auch Jugendliche, die mit ihren Eltern einzogen, der älteste Teilnehmer war 68 Jahre alt. Sie alle nahmen einen Ortswechsel in Kauf. Den weitesten Weg legten die zurück, die aus den USA, aus Russland und Japan ins Ruhrgebiet zogen. An ihren neuen Wohnorten lebten die Kreativen ihr gewohntes Leben weiter und gingen in der Mehrzahl ihren bisherigen Beschäftigungen nach. Zugleich wollten sie das Leben und das »Klima« in den Straßen ändern. Aber auch Bewohner, die seit langem in den Straßen leben, und viele Besucher der Ausstellung beteiligten sich am kollektiven Schreibprozess. Vor allem die alteingesessenen Mieterinnen und Mieter in den drei Straßen konnten vielfach dafür gewonnen werden, durch ihre Mitarbeit die alten Straßen nachhaltig zu verändern.
Für Interessenten von außerhalb wendete 40 Jahre nach der unvergessenen Besucherschule von Bazon Brock zur documenta 4 in Kassel die Besucherschule in »2-3 Straßen« den Kunstblick zurück zur Diaspora der Wirklichkeit, die auch heute noch für alles andere als Kunst und Kultur steht. Neue und alte Mieter führten Gruppen durch ihr Viertel – Straßen ohne Ereignisse und Sehenswürdigkeiten – und erzählten die Geschichten der Bewohner. Dabei beließen es viele Ausstellungsbesucher nicht dabei, das Kunstwerk nur zu betrachten, als Autoren schrieben sie vielmehr aktiv am gemeinsamen Buch mit. Denn mehr als um das fertige Buch ging es um den gesellschaftlichen Prozess. Aus Lesern und Nichtlesern wurden Autoren, die nicht nur an der eigenen Veränderung teilnahmen. Vielmehr entstand eine Autorengesellschaft, die Alltag zu Kunst und Kunst zu Menschen werden ließ, bis am Ende die Straßen nicht mehr dieselben waren und sind.
»2-3 Straßen« entwickelte sich zu einem kulturellen Experiment mit einem Ausgang, der für die Städte und ihre ärmsten Quartiere jenseits des Kunstkontexts zu einem Anfang werden kann, denn auch nach dem offiziellen Ende des Projekts sind viele der ehemals neuen Mitbewohner geblieben.
Im Dumont-Verlag erschienen im März 2011 die beiden Publikationen »2-3 Straßen. TEXT« und »2-3 Straßen. MAKING OF«.
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